Kultur : KURZ & KRITISCH

Roman Rhode

KUNST

Reis

in Säcken

Wenn von indischer Kunst die Rede ist, denken wir an Tempelgemälde oder Miniaturmalerei. Die moderne Kunst gilt es noch zu entdecken. Dazu liefert die kleine, feine Ausstellung, die das Haus der Kulturen der Welt in Zusammenarbeit mit der Galerie Mirchandani und Steinrücke aus Bombay eingerichtet hat, einen Anstoß. „The Artist Lives and Works in … “ versammelt Arbeiten von zehn jungen Künstlern, die sich nicht ausschließlich über ihre Ursprungsheimat definieren (noch bis 28. August, Di-So 12-20 Uhr, Eintritt frei). Ihre großformatigen, farbenfrohen Werke, die vom Aquarell bis zur interaktiven Videoinstallation reichen, verweigern sich der Dichotomie von Tradition und Moderne. Eher ist den Ausstellern an der Unbefangenheit des ersten Eindrucks gelegen. Und als Betrachter darf man sich getrost von religiösen Klischees, einer antiquarischen oder gar romantisierenden Perspektive befreien. Denn die Avantgarde-Künstler nehmen längst am grenzüberschreitenden Kunstgeschehen teil. Vier Tonnen Reis in 64 zu einer Barrikade aufgeschichteten Jutesäcken, darauf Stacheldraht: So sieht N.S. Harsha den durch die internationale Verteilungsbürokratie gezähmten Hunger. In einer Fotoreihe deutet Jitish Kallat das runde Roti-Fladenbrot in die Phasen eines abnehmenden Kratermondes um, indem er es einfach abbeißt. Die Profanisierung des Alltags als Thema liegt einigen Arbeiten zugrunde. Authentizität? Kommt allenfalls in Gestalt eines Hologramm-Logos bei Justin Ponmanys „Genuine Void“ vor. Dass die Schau bei den indischen Kulturbehörden auf kein Interesse stieß: bemerkenswert schade. Es zeigt aber auch, dass ein künstlerischer Austausch zwischen Indien und Deutschland überfällig ist.

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VARIETE

Wäsche

an der Leine

Wer noch nie durch einen Kühlschrank ins Variéte geführt wurde, sollte ins Chamäleon gehen. Cool werden die Gäste auf der Bühne von den 7 Fingers empfangen. Hat man das hinter sich, kann man aufgetaut die Show erwarten (heute und morgen 19 Uhr, 16., 17.8. 20 Uhr. Bis 8. 1. 2006). Die „7 Fingers“ präsentieren sich als Helden in Unterhosen. Die Bühne ist zur schmuddeligen Wohngemeinschaft umfunktioniert. Intimwäsche hängt an der Leine. Die Artisten, die weltweit Erfolge im Cirque du Soleil feierten, verbinden in Loft Akrobatik mit Clownerie. Patrick Léonard erweist sich neben dem Muskelmann Sébastien Soldevilla als Meister des Diabolo und des Didgeridoo. Die Trapez-Akrobatik scheitert dagegen, die Artistin hängt lediglich in der Luft und dreht sich. Grandios gleicht das dann die Hand-auf-Hand-Akrobatik aus, vom Publikum frenetisch bejubelt. Die „7 Fingers“ sind eine sympathische, schnoddrige Truppe. Doch weshalb der Zirkuszauber unbedingt durch die Unterwäscheästhetik gebrochen werden muss, bleibt unklar. Tobias Schwartz

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OPER

Schwamm

drüber

Geheimnisvolle Dinge geschehen, wenn die müden Tagwerker ihren Arbeitsplatz verlassen haben. Dann rücken unerkannt Gestalten an, um Papierberge zu versetzen und Kaffeetassen zu bergen. Manchmal lassen sie Zeichen im Büro zurück. Vor wenigen Tagen fanden wir einen Putzlappen auf einem Aktenschrank. Seitdem rätseln wir, was in dieser Nacht geschehen ist. Aufklärung über das Treiben in verlassenen Chefetagen verspricht die Neuköllner Oper mit Wischen – No Vision , einer putzig „Raumpflege in zwei Teilen“ getauften Doppelpremiere der Gewinner des Neuköllner Opernpreises 2004. Ein Komponistenduo wie Bohnerwachs und Schmierseife: Marc Seitz ist ein erfahrener Musicaldarsteller, Gerd Noack studierter Avantgardetonsetzer. Beide jagen sie drei Raumpfleger durch dunkle Korridore, bis hin zu der verbotenen Tür des Chefbüros. Dort kommt es durch negative Putzgruppendynamik zu mutwilliger Verschmutzung. Als der Chef und sein Taschenträger auftauchen, ist das Gejammer groß: „Lieber Gott, lass mir den Job!“ Der Wischmopp tanzt, die Bosse fallen aus dem Fenster. Was kafkaesk wirken könnte, erreicht leider nur das Niveau ausgelaugten Klamauks, zumal Seitz zwar prima Musicalmärsche schreiben kann, ihm aber zur Sprache gar nichts einfällt. Mehr Unterhaltung verspricht Noacks Waschgang, der das Neue-Musik-Pathos durchaus komisch mit nächtlichem Frustputzen kurzschließt. Doch schnell ertrinkt der Funke im Wischwasser, und der Schaum ist aus. Der Putzlappen liegt noch immer auf unserem Aktenschrank. Wir rätseln weiter. Ulrich Amling

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