Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

POP

Meine Heimat

ist die See

Der Sommer wird kürzer, die Gesichter werden länger. Da hilft nur Musik, die noch trauriger ist, als man es selber je sein könnte. Will Oldham, genannt Bonny „Prince“ Willy , erzählt, mit brüchiger Stimme, Geschichten vom Leben am Limit: ein Retter des Sehnsüchtigen in der Musik. Mit Matt Sweeney, mit dem er das Album „Superwolf“ veröffentlichte, eröffnet er in der ausverkauften Passionskirche mit Schepperschlagzeug, Knupperbass und zweiter Zusatzgitarre einen hermetischen Raum zum Wegdriften: Hillbilly-Folk und Country-Rock mit spezifischem Drall. Einfache Melodien, bewegende Geschichten um Vergänglichkeit, Entfremdung, falsche Gefühle. Neue Stücke wie „My Home is the Sea“ oder das großartige „Blood Embrace“ wechseln mit älteren Songs wie dem „Ohio River Boat Song“ und „I See a Darkness“, dessen Johnny-Cash-Interpretation Oldham erst richtig bekannt machte. Live kommen die Stücke rockiger, mit Sweenys lodernder Stromgitarre. Der struwwelbärtige Oldham hat sichtlich Spaß, schrammelt, singt und heult vortrefflich. Nach etlichen Zugaben ist Schluss: Seufz! Wenn der Sommer ausbleibt, muss die Wärme eben von innen kommen.

* * *

ROCK

Meine Leidenschaft

ist die Knarre

Anderswo machen singende Aktricen den Sommer wenigstens schön. Unlängst säuselte Julie Delpy durch die Berliner Nacht, nun betritt Juliette Lewis , zunächst mit Sonnenbrille und blauer Perücke, die Bühne des SO 36 . Sie war die Lolita mit einer Obsession für Schusswaffen in Oliver Stones „Natural Born Killers“ und in Tarantinos blutiger Untoten-Saga „From Dusk Till Dawn“. Wenig zimperlich auch die Musik der bekennenden Scientologin: Die ausverkaufte Halle wird von krachenden, aber altbackenen Rock-Riffs ihrer Band The Licks erschüttert. Ist das hier ein Rockkonzert oder nur eine Gelegenheit, die Schauspielerin beim Wälzen auf der Bühne und dem Sprung in die Menge zu beobachten? Erst beim – späten – Titeltrack des neuen Albums „You are Speaking My Language“ wird klar: Es ist Rock. Klischeerock. Da nimmt man auch klaglos hin, dass die Band nach nur einer Stunde die Bühne verlässt. Uli Schüler

TANZ

Meine Freiheit

ist das Rätsel

Die Macht des Interpreten oder seine Ohnmacht – davon handelten die beiden Premieren beim „Tanz im August“ am Wochenende. Sie wollte mal nicht mit einem Choreografen arbeiten, bekennt die Tänzerin Julia Cima freimütig. Stattdessen hat sie sich in das Werk vieler vertieft. Ihr Solo „Visitations“ im Podewil ist ein aufregender Streifzug durch mehr als 70 Jahre Tanzhistorie. Und da der Programmzettel mit der Liste der Werke den Zuschauern erst hinterher in die Hand gedrückt wurde, gestaltete der Abend sich als unterhaltsames Quiz. Nijinsky, Béjart oder Valeska Gert? Kein Preisgeld winkt, doch der Zuschauer wird reichlich belohnt mit einer Vielfalt an Stilen und Körperbildern. Die begabte Julia Cima hat sich die Auszüge aus berühmten Werken mit Respekt, Können und Selbstbewusstsein angeeignet. „Visitations“ ist ein wunderbarer Abend über Geschichte und Eigensinn – und ein Triumph der Interpretin.

„Wir sind alle Marlene Dietrich FOR“ von Iceland Dance Company/Maska Productions nennt sich eine „Performance für Soldaten in Friedensmissionen“. Der isländisch-slowenischen Truppe kann man allerdings keine friedlichen Absichten nachsagen. Die brachiale Punkshow in den Sophiensälen stellt die Kunst unter Generalverdacht: Sie ist eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Diese Rampensäue wollen uns ein wenig das Fürchten lehren – und so schwankt ihre Mission zwischen zynischer Anmache und rabiater Attacke. Aber der Versuch, das Berliner Publikum zu mobilisieren, scheitert kläglich. Sandra Luzina

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