Kultur : KURZ & KRITISCH

Tobias Schwartz

THEATER

Woody

im Wohnzimmer

Im hintersten Zimmer einer heruntergekommenen Wohnung nimmt das Publikum seine Plätze ein. Sämtliche Räume, Treppenhaus und schließlich sogar die Straße dienen als Bühne. Eine Handkamera filmt die Handlung. Wenn sie nicht im Zimmer stattfindet, erscheint sie als Projektion auf der Wand. Totaler Luxus heißt Godehard Gieses Inszenierung im ehemaligen Rodeo Club (Kastanienallee 1, wieder am 16.–19.8., 21., 23.–25.8., 21 Uhr, Tel. 2835266). Die Koproduktion der Theatergruppe MITTEMAI und der Sophiensaele basiert auf Woody Allens Komödie „Hannah und ihre Schwestern“. Interviews mit den Darstellern liefern zusätzliches Material.

Am Anfang betrügt der notorische Fremdgeher Elliot (Roman Leitner) seine allzu perfekte Frau Hannah (Vanessa Stern). Am Ende liebt der Hypochonder Mickey (Stephan Lohse) die Profilneurotikerin Holly (Lisa Scheibner). Motto: „Totaler Luxus, dass man sich die ganze Zeit mit sich selbst beschäftigen darf.“ Teils kitschige, teils durchgedrehte Musikeinlagen unterbrechen die Dialoge. Mitunter versucht die Truppe, Allens Witz zu überbieten, dann wird es albern: In einer Musicaleinlage treibt die Holly-Darstellerin ihre Stimme bis zur kreischenden Karikatur. Skurrile Details wie ein Goldfischglas mit Ölsardinen oder künstliche Augäpfel, die an den Wänden haften bleiben, führen das Geschehen ad absurdum. Doch die melancholisch grundierte Leichtigkeit von Woody Allens Tschechow-Huldigung will sich nur zeitweilig einstellen. Immerhin gibt es am Ende noch Suppe für alle.

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KLASSIK

Mit Volldampf

in die Vergangenheit

Die chinesische Klassikszene ist dynamisch, behauptet das youngeuroclassic- Festival. Stimmt – siehe Muhai Tang: Er stürzt geradezu vor das Dirigentenpult, reißt mitten im Applaus die Arme hoch, und wo sie niederfahren, da schießen im Jugendorchester des Schanghaier Konservatoriums Melodien und Akkorde hervor wie die explodierenden Blüten eines chinesischen Feuerwerks. Feuer unter dem Kessel hat auch die „Eisenbahn-Toccata“ des 1959 geborenen Yuan Liu. Ein merkwürdiges Gefährt: Das muntere Stampfen und Pfeifen erweckt Bilder von stolzen Dampfrössern mit kohleverschmierten Arbeitern, doch Präzision, Geschwindigkeit und glänzende Oberfläche lassen an einen Hochgeschwindigkeitszug denken, auf dem sich Wolkenkratzer junger chinesischer Metropolen spiegeln. Problematischer wirken die subtileren Stücke. Bei der Uraufführung von Yi Xus Konzert für Zheng und Orchester kann die präsente und hochvirtuose Solistin Yao Qi aus akustischen Gründen nicht mit allen bebenden Zwischentönen ihrer chinesischen Zither punkten. Glasunows Violinkonzert in a-moll (Solistin Zhijiong Wang) erfreut trotz kleiner Intonationstrübungen durch beherzten Zugriff und virtuoses Handwerk.

Umso beeindruckender, wie viel professionelle Showbizqualitäten der einst von Karajan geförderte Muhai Tang seinem Orchester abfordert: Wie sich die Bläser in ihren asiatisch angehauchten Sakkos zu Hindemiths Jazzakkorden als Bigband erheben und schließlich eine Zugabenstufe nach der anderen zündet, das sei hiesigen symphonischen Traditionsverwaltungen gerne zur Nachahmung empfohlen. Carsten Niemann

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JAZZ

Erkennen Sie

’ne Melodie?

Caroline Beil ist eine wirklich taffe. Was die ehemalige „Blitz“-Moderatorin so alles über sich ergehen lässt: Marathon laufen, Fitnessbuch schreiben, Ausziehen für den Playboy, Dschungelcamp. Und nun die härteste aller Prüfungen, ein Auftritt im Jazzclub A-Trane . Au Backe, kann das peinlich werden. Ein bisschen singen können unsere Show-Promis ja alle, schließlich haben sie an irgendeiner Lee-Strasberg-Schule viel Geld in ihre Ausbildung gesteckt. Ein „Girl from Ipanema“ geht immer. Aber einen ganzen Abend füllen? Als Beil auf die Bühne kommt, freut sie sich über die vielen Freunde im Publikum. „Das macht Mut“, sagt sie, lächelt kurz, sieht nach unten. Alles andere als divenhaft. Sie trägt Jeans, stellt artig die Band vor, statt mit dem Publikum zu flirten, fragt sie: „Und, kannten Sie das Stück? Irgendjemand?“

Verlegenes Schweigen. Doch die Unsicherheit passt zu ihrem Gesang. Vorsichtig tastet sie sich durch Burt Bacharachs „Close to You“ und Duke Ellingtons „Do Nothing Till You Hear From Me“. Immerhin: kein Schwanken in der Intonation, kein Aussetzer in der Stimme. Arrangeur und Pianist Wolfgang Hammerschmid hat die Standards mit einem langsamen HipHop-Beat aus der Konsole unterlegt. Das verflacht die Songs, geht rhythmisch aber auf Nummer sicher. Wenn Caroline Beil doch mal zu früh einsetzt, guckt sie zum versierten Saxofonisten Tilman Ehrhorn. Der lächelt ihr zu: Wir schaukeln das schon. Mehr konnte man wohl nicht erwarten. Johannes Völz

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