Kultur : KURZ & KRITISCH

Richard Kropf

KABARETT

Lachen, bis

der Arzt geht

Exakt 20 Prozent aller Deutschen halten sich für Pechvögel, aber mit Pechvögeln vögeln will keiner, weiß der Kabarettist Dr. med. Eckart von Hirschhausen. Deshalb nutzt er sein neues Programm Glücksbringer (Bar jeder Vernunft, noch bis 11. September), um seine Anleitung zum Glücklichsein unters Volk zu bringen. Der ehemalige Kinderneurologe, der nach eigener Erkenntnis das Metier wechselte, weil er in Arztbriefen nicht genug originelle Formulierungen unterbringen konnte, bietet dabei Hilfe zur Selbsthilfe: Was der Mensch zu seinem Glück braucht, sind Licht, Schutz, Bewegung und Gesellschaft. Mal rotwangig-schelmisch, mal wissenschaftlich-fundiert doziert er im obligatorischen weißen Oberhemd und im Stil eines Seminarleiters, wie man den eigenen Jammerlappen am besten auswringt und wie die menschliche Psyche funktioniert – um daraus absurd-komische Schlüsse zu ziehen. Am Ende weiß man, dass es besser ist, Bronze zu gewinnen als Silber, und dass der Mensch eigentlich nichts geschenkt bekommen will. Drei Stunden dauert die Chose – doch immer wenn das Publikum sich einer Wartezimmer-Lethargie hinzugeben droht, demonstriert der Arzt wieder eindrucksvoll die Funktion des Zwerchfells. „Zwei Stunden Lachen sind wirksamer als zwei Meter Selbsthilfebücher“, heißt es im Programmheft. Und drei Stunden Lachen wirksamer als zwei Stunden.

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YOUNG EURO CLASSIC

Spielen, bis

der Rausch naht

Marko Zdralek macht keinen Hehl aus seiner Zugehörigkeit zur musikalischen Tradition. Und das nicht nur aufgrund der reziproken Beethoven-Bezogenheit in seinem Werk Ad aspera , das im Schauspielhaus seine umjubelte Uraufführung erlebte. Auch sein Umgang mit dem Orchester lässt Vorbilder erkennen: Bei dieser Komposition mag Alfred Schnittke Pate gestanden und sich vermutlich auch ein wohlwollendes Lächeln abgerungen haben. Ein gewaltiges Werk mit üppig-exotischer Farbgebung, leider nur 20 Minuten kurz.

Als Reminiszenz an Karl Amadeus Hartmanns 100. Geburtstag war wohl die Aufführung seiner sechsten Symphonie zu verstehen, in der sich der Komponist nicht nur als ein Meister irisierender Klänge, sondern auch als Virtuose eines „singenden“ Schlagwerkes erweist. Auch hier ist, kurz vorm orgiastischen Finale, mit einem „Freudeschönergött...“ ein minimalistischer Beethoven-Bezug herauszuhören.

Anton Bruckners sechste Symphonie stand am Schluss dieses großorchestral besetzten Abends, in dessen Verlauf die Junge Münchner Philharmonie alles andere als etwa jugendliche Unerfahrenheit bekundete. Die besten Dirigenten sind bekanntlich jene, die man vor lauter Musik gar nicht bemerkt – und genau das kennzeichnete Mark Masts unprätentiöses Dirigat, mit dem er die jugendlichen Münchner Alleskönner auf sicheren Pfaden durch die gewaltigen Werkgebirge führte. Friedemann Kluge

FILM

Gruseln, bis

der Sitz schwitzt

Im tiefen Süden der USA, wo der Blues durch die Straßen weht, ereilt ein Schlaganfall den alten Besitzer einer angestaubten Kolonialvilla. Die junge Krankenschwester Carolin (Kate Hudson) soll ihn pflegen. Doch ein abgehackter Hühnerfuß, ein Lurchauge und Haarbüschel deuten darauf, dass moderne Medizin hier weniger gefragt ist. Voodoozauber hält das Haus in Bann. Die Geister einst ermordeter schwarzer Angestellter beherrschen auch Violet Deveraux (Gena Rowlands), die Ehefrau des Hausbesitzers. Sie wird Carolins Gegenspielerin.

Die Figur der Deveraux trägt Züge der historischen Voodoo-Queen von New Orleans, Marie Laveau. Sogar mit 87 war sie noch eine blühende Schönheit – wohl, weil eine Tochter stillschweigend die Rolle der hexenden Mutter übernahm. In Iain Softleys Der verbotene Schlüssel (in 17 Berliner Kinos, OV im Cinestar Sony Center) ist es der rastlose Geist der toten Sklaven, der sich stets verjüngen will. Sein angestrebter Wirtskörper: Carolin. Doch vorher blitzt und donnert es heftig, und natürlich knarren Türen immer ganz entsetzlich.

Aber geht es überhaupt um Voodoo? Oder um das Trauma der Unterdrückung der Sklaven, denen die Voodoo-Religion als Schutzraum diente? Der Film macht es sich arg leicht. Er brandmarkt den fremden (Aber-)Glauben als Hokuspokus, der – ganz böse – unschuldige weiße Mädchen anfällt. Uli Schüler

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INSTALLATION

Zimmern, bis

es Kunst wird

Vor der Akademie der Künste ist offenbar ein junger Handwerker mit Renovierungsarbeiten beschäftigt. Es sieht aus, als zimmerte er einen neuen Fensterrahmen. Der Schein trügt: Es ist der Münchner Künstler Matthäus Thoma – einer von knapp 40 Künstlern, die das Gebäude für zwei Wochen zu einer interaktiven Werkstatt umfunktionieren (Hanseatenweg 10, täglich 14-24 Uhr, bis 31.8.). Thomas Projekt: Der Eingangsbereich soll sich in ein dschungelartig wucherndes Kunstgebilde verwandeln. Thoma baut keinen Rahmen, sondern ein Gerüst, das die Installation tragen soll.

In fast allen Winkeln des Hauses verwirklichen sich Künstler in verschiedenen Disziplinen: Die Berlinerin Anke Göhring schafft mit Baumarkt-Materialien wie Klebeband und Plastikbahnen künstliche Landschaften, die durch ständigen Umbau in Bewegung bleiben. Ina Abuschenko-Matjewa lädt interessierte Besucher an einen großen Tisch zum „Storm-Braining“, einem Austausch zum Thema Kunst, der im Gespräch, aber auch in Form von Zeichnungen und Fotos stattfinden soll. Die bayerische Künstlerin Susanne Jung positioniert blaue Holzplatten immer wieder so im Raum, dass unterschiedliche Farb-Licht-Wirkungen erzeugt werden. Die Ausstellung der Projekte und ihre Entstehung fallen zeitlich zusammen. Alles für die Nachwelt lautet der Titel der Offenen Werkstatt , deren vielseitige kreative Arbeiten allesamt dokumentiert und archiviert werden sollen. Tobias Schwartz

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