Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P.Daniels

MUSICAL

Täler

der Lust

„Berge des Wahnsinns“? Keine Ahnung, was einen erwartet. The Tiger Lillies & Alexander Hacke in einer Musikinszenierung nach H.P. Lovecraft. Theater? Musical? Rezitation mit Musik? „Welturaufführung“, das schauen wir uns an. In der Treptower Arena ist ein Eckchen abgeteilt, verkleinert zum intimen Theaterraum. Licht aus, da kommt Hacke im schwarzen Gehrock, mit Weste, weißem Hemd und Schleife, Schnauzbart und wirrem Haar. Schreitet an die stählerne Werkbank seines elektronischen Tonlabors. Waltet und schaltet zwischen Bildschirm, Laptop, Rechnern und Tastaturen. Generiert tiefes Knarren und eine knurrende Stimme, die düster erzählt vom 1890 geborenen Grusel-Schriftsteller H.P. Lovecraft. Hacke, Tänzer tausender Hochzeiten, von den Einstürzenden Neubauten bis zu den Filmen Fatih Akims, bewegt dazu die Lippen.

Rechts von ihm The Tiger Lillies, das Londoner Musikertrio, mit altmodisch akustischen Instrumenten. Über allem erhebt sich der traurige Falsett von Martyn Jacques, über „The Mountain Tops“, und beklagt den ersten Anblick vom Berg des Wahnsinns. Mit einer Melone, in schwarzem Anzug und weißgekalktem Gesicht wirkt er wie eine Mischung aus Mitglied eines Berliner Ringervereins der Zwanziger, Jahrmarktschreier, traurigem Clown und dubiosem Beerdigungsunternehmer. Mit grünem Akkordeon.Während Adrian Huge mit zauseligen Besen wie ein abgedrehter Literaturprofessor sein Kinderschlagzeug fegt, wischt und klopft. Adrian Stout lässt aus seinem Kontrabass dicke Töne tropfen und eine Säge wimmernd singen. Hacke blitzt dazwischen mit Gewitterdonner, bedient die düster rülpsende Stimme des Erzählers. Zehn makabre Stories von Lovecraft werden zu wunderlich schönen Songs, kunstvoll illustriert mit Projektionen von Danielle Picciotto auf der Bühnenrückwand. Songs von Ratten, Geistern, umherirrenden Seelen und vom kannibalistischen „Butcher“. Dazu Hämmern, Sägen, Häckseln. Brecht und Weill winken von Ferne, Tom Waits aus der Nähe. Ganz dicht dran bejubelt das Publikum eine hinreißende Vorstellung.

TANZ

Tangos

des Zufalls

Ein Rendezvous der besonderen Art: Zeitgenössischer Tanz und bildende Kunst begegnen sich. Jeppe Heins Wasserbrunnen gegenüber vom Roten Rathaus (Spandauer Straße/Ecke Rathausstraße, bis 30.August) im Rahmen des Festivals Tanz im August trifft den Nerv der Zeit: Tanzproduktionen werden zu Installationen, Installationen zu wundersam Choreografien. Kein noch so geschickter Tanzmeister könnte es besser planen: Wie Senioren auf das Gitter des Brunnens springen, bevor die vom Zufall gesteuerten Wasserstrahlen emporschnellen. Jauchzende Kinder zerren ihre Eltern ins nächste Raumsegment, kaum dass die mannshohen Wasserstrahlen versiegt sind. Solche Kunst hat William Forsythe , Leiter der Frankfurter Tanzkompagnie, sich im Umfeld seiner neuen Produktion „You made me a monster“ gewünscht (Haus der Berliner Festspiele, ab 25.8.). Gleichsam als Spiegel seiner eigenen Arbeit.

Auch Katarzyna Kozyra verbindet bildende Kunst und Bewegung. Bei ihrem letzten Auftritt in der Berliner Kunstszene, der Ausstellung „Über Schönheit“ im Haus der Kulturen der Welt, sorgte sie für Furore. Die polnische Künstlerin zeigte in ihrer Videoinstallation „The Rite of Spring“ nackte alte Menschen, wie sie auf die Musik von Strawinsky hin- und herhoppeln. Während des Festivals wird sie die verschiedenen Tänzer mit der Videokamera begleiten. Dabei nimmt sie allerdings nur die Gesichter auf (HAU 3, bis 26. August). Das Ergebnis verspricht Überraschungen, möglicherweise mehr als manch virtuose Körperkonfrontation in der Staatsoper. Birgit Rieger

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