Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Gemeinsam sind

wir stark

Tschaikowskys Orchesterfantasie „Francesca da Rimini“ ist gerade erst verhallt, da wackeln im Konzerthaus schon wieder die Wände, bei der Zugabe mit Karl Heinz Wahrens fetzigem Tango. Wenn schon Schmackes, dann richtig: Dirigent Alexandré Sladkowski und das Campus-Orchester geben auch noch die „Berliner Luft“ zum Besten, und es ist nicht die letzte Zugabe. Bisschen viel Fortissimo, bisschen viel Marschrhythmus, rette sich, wer kann. Was soll’s, hier findet gerade ein klassischer Weltjugendtag statt: Schließlich ist das Campus-Konzert das gewissermaßen internationalste Projekt beim Young Euro Classic-Festival.

Eine Woche haben die Junge Sinfonie Berlin und die Junge Philharmonie Russland unter deren Chef Sladkowski gemeinsam geprobt. Russisch-deutscher Mischklang, 60 Jahre nach Kriegsende: dicker Pinselstrich, satte Streicher, blühender Sound. Für zartere Duftnoten im Musiktheaterdonner sorgen die Bläser- und Cello-Soli bei Tschaikowsky, in Rossinis „Wilhelm Tell“-Ouvertüre und Strauss’ „Don Juan“. Diese Jugend gibt sich restlos hin, auch bei den Uraufführungen, dem Atmo-Zauber von Anno Schreiers „Nachtstück“ und der Großstadt-Klangkulisse von Olga Rajewa. Zwei WimmelbilderWerke: Chaos vom Feinsten. Warum nur kommt der Gewitterregen am Ende von Rajewas „Vorfall auf der Straße“ von Band? Das bisschen Lautmalerei hätte das CampusOrchester bestimmt zu gerne auch noch selbst hergestellt.

* * *

THEATER

Schlachtruf

der Walküren

Vor schwarzem Hintergrund steht eine Walküre, ganz in Weiß. Sie macht Stimmübungen. Ihr Sprachwirrwarr verwandelt sich allmählich in ein mechanisches „Hojotoho“ – den Schlachtruf der Walküren. Als eine Mechanikerin in roter Handwerkermontur (Ines Urban) imaginäre Schrauben am Kopf der Walküre festdreht, wird klar: Brunhild (Heike Reichenwallner) ist ein Homunculus, ein künstlicher Mensch. Andreas Bornemann und Stephan von Ewald haben im Theaterforum Kreuzberg Hebbels Tragödie Die Nibelungen als Motivstudie inszeniert (23.–28.8., Eisenbahnstr. 21, 20 Uhr, Tel.030/61108933). Siegfried (Mänix Wilhelm) erscheint als schüchterner Trottel. Der stolze König Gunther – abwechselnd dargestellt von einem der Regisseure – regrediert zur Marionette. Seine Krone hat er über den Kopf gezogen, er kann nichts mehr sehen. Und Anabelle Munro verwandelt sich von einer anfänglich naiven, eifersüchtigen Kriemhild in eine Rache-Furie, während Bier getrunken und Skat gespielt wird. Die Band „Peng Peng“, drei Nibelungen mit roten Mützen, spielt Wagners Walkürenritt als Rockversion, beim Schlussmassaker fließt reichlich Theaterblut, und als dann noch ein Udo-Lindenberg-Imitator „Wozu sind Kriege da“ anstimmt, ist das Spektakel perfekt. Tobias Schwartz

0 Kommentare

Neuester Kommentar