Kultur : KURZ & KRITISCH

Birgit Rieger

KUNST

Im „Merzen“

der Bildhauer

Es begann damit, dass Kurt Schwitters 1919 eine Silbe aus dem Wort „Commerzbank“ stibitzte. Den Zeitungsschnipsel „merz“ klebte er in ein Bild, nannte die Collage „Merzbild“ und bezeichnete seine künstlerische Arbeit von diesem Tag an als „Merzen“. Bei Schwitters bedeutete das: alltägliche Gegenstände sammeln und diese in einem Bild, einem Text oder einer Skulptur zu etwas völlig Neuem zusammenfügen. Irgendwann fing er an, Fundstücke und Arbeiten aus seinem Atelier zu Ensembles zu gruppieren, bis er schließlich den gesamten Raum zu einem künstlerischen Gebilde umgestaltete. So entstand der erste Merzbau, eine fast surrealistisch abstrakte Zusammenstellung. Das fragile Gesamtkunstwerk – Schwitters nannte es sein „Lebenswerk“ – wurde im Krieg zerstört, zum großen Kummer des Künstlers. Zwei weitere Merzbauten ereilte das gleiche Schicksal.

Eine begehbare und maßstabsgetreue Rekonstruktion befindet sich nun im Foyer der Niedersächsischen Landesvertretung (In den Ministergärten 10, bis 7.September). Es handelt sich dabei um eine „Reiseversion“. Der Original-Nachbau befindet sich im Sprengel Museum in Hannover, der Geburtsstadt des Dadaisten. Urheber beider Versionen ist der Künstler Peter Bissegger. Als Vorlage dienten ihm drei Schwarzweiß-Aufnahmen vom Merzbau aus dem Jahr 1933.

Die Fotografien sind Teil der Ausstellung. So, als wäre es wichtig nachzuprüfen, ob Bissegger in dem kathedralenartigen Raum mit den Grotten, Säulen, Vorsprüngen und Höhlen alles an den richtigen Platz gestellt hat. Zum Beispiel das Weinglas mit dem grünen Stiel, an das sich Sohn Ernst Schwitters noch gut erinnern kann. Vor allem soll der Betrachter begreifen, dass es ein intellektueller und mathematischer Kraftakt war, das Abbild der drei Fotografien in die Dreidimensionalität zu übersetzen. Eine ausführliche Beschreibung des Vorgangs liegt bei. Solch posthumes „Merzen“ aber erzeugt am Ende nur Ermüdung.

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KUNST

Im Schleier

der Couturier

Hat man Jean-Paul Gaultier, das enfant terrible der Haute Couture, in die Wüste geschickt? Ja und nein. Betrachtet der Besucher die Modeschöpfungen von Khaled al Masri, dann kommen ihm durchaus Gedanken an den Pariser Exzentriker. Auch der Modemacher aus dem Libanon kreiert Gewagtes, Untragbares und für seine Region Unerwartetes. Seine Farben sind intensiv, die Schnitte unkonventionell. Doch das unterscheidet ihn nicht von anderen Jungdesignern. Khaled zitiert ureigene Elemente der orientalischen Kultur: Die Verschleierung der Frau deutet er zu einem futuristischem Kopfschmuck um, wobei die aparten Sehschlitze mit der Erotik des Blickes spielen. Einen Mantel überzieht er mit arabischer Kalligraphie.

Die Khaled-Couture ist Teil der Ausstellung Arabische Welten – Modewelten in der ifa-Galerie (Linienstr. 139, bis 9. Oktober). Anders als im Libanon, mit seinem fast gleichen Anteil von Christen und Muslimen, ist die Mode der anderen Länder am Persischen Golf weniger gewagt. Die Designerin Adiba al Mahlhoub aus Kuweit vollzieht den Brückenschlag zwischen Orient und Okzident deshalb subtiler. Ihre Schnittführung entspricht der konservativen Linie, erinnert an den Kaftan und die Djellaba. Bei ihren fallenden Gewändern verdeutlicht die feminine Verspieltheit der Details das Liebäugeln mit dem Westen. Arabische Mode will originell sein, ohne ihre Wurzeln aufzugeben. Krachmacher Gaultier wäre fasziniert ob dieser Raffinesse. Uli Schüler

TANZ

Im Irrsinn

der Choreograf

Michael Laub ist der Menschenfischer unter den Choreografen des „Tanz im August“. Der gebürtige Belgier überschreitet nicht nur jede Genregrenze, er bringt auch immer wieder Performer auf die Bühne, auf die er im winkligen Lauf des Lebens gestoßen ist. So porträtierte er etwa einen Ex-Hooligan und eine ehemalige Gabelstaplerfahrerin. Im Rahmen seiner Portrait Series , in der er Mitglieder seiner Company Remote Control zu Einzelsitzungen bittet, zeichnet Laub im Podewil die Bühnenabbilder von Astrid Endruweit und Greg Zuccolo nach. Endruweit, die Butoh tanzende Heimerzieherin, entdeckte Laub in einem Workshop und schuf danach mit ihr „Pigg in Hell“: Darin ließ sie auf allen Vieren das Becken vibrieren, so ekstatisch unschuldig, dass man seinen Blick nicht abzuwenden vermochte. Diesen Schamschocker wiederholt die Performerin für einen kurzen Moment in ihrem „Alone“ betitelten Solo.

Doch der Tonfall ist ruhiger geworden, der Blick in die Vergangenheit erscheint kristallin, jedes Scheitern wirkt wie ein stoisch ertragener Witz. Der Wunsch, eine Dame zu sein – und sich lustvoll die falschen Fingernägel abzukauen. Endruweit, die Pulliverkäuferin werden wollte, weil im Laden der Lärm der Straße so schön von Textilien verschluckt wird, stöckelt mit kindlicher Stärke durch ihr Leben. Hoffentlich begegnet sie uns bald wieder. Bei Greg Zuccolo sind wir da nicht so sicher: Was treibt diesen Mann des gerade noch kontrollierten Wahnsinns? Die Misshandlung beim Royal Ballet von Winnipeg, das Durchfüttern bei einer Revue-Truppe? Zuccolo hat einen Hass, der sich im Drang nach Gesang äußert – einer Darstellungsform, die er so gar nicht beherrscht. Das flüchtige Porträt eines Irrläufers (noch einmal heute, 21 Uhr). Ulrich Amling

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