Kultur : KURZ & KRITISCH

Hans-Peter Kunisch

LITERATUR

Wie man ohne Liebe

leben kann

Ob es nun 13000 Seiten sind, mehr als Proust, Joyce und Shakespeare zusammen, oder doch nur 2500: Das Mädchenmörder-Bruhnke-Projekt war megaloman und als Thomas Braschs „Opus Magnum“ gedacht. Jahrelang ließ der widerspenstige Sohn eines Vizekulturministers der DDR kaum von sich hören. Seit Mitte der Achtzigerjahre war der Ausgebürgerte mit Karl Bruhnke beschäftigt, auf dessen Schicksal Brasch in einer Zeitung von 1906 gestoßen war. Wie man ohne Liebe leben kann – das war die Frage, der Brasch in allen Schichtungen des Konvoluts nachging, aus dem Suhrkamp schließlich ganze 98 hochkarätige Seiten destillierte.

Seit einem Jahr versucht nun Hartmut Fischer, Freund des 2001 verstorbenen Brasch, dem Bruhnke-Projekt mit Lesungen aus unveröffentlichten Teilen gerecht zu werden. Im Saal des Jüdischen Museums präsentierte er mit sieben Schauspielern, Blixa Bargeld, Braschs Schwester Marion, Herbert Fritsch, Lars Rudolph, Otto Sander, Anna Thalbach und Angela Winkler, einen Teil der „LeseFuge“, einer „dramatischen Installation“. Als die Schauspieler zu lesen begannen, liefen die Porträt-Videos an den Wänden leise.

Die Schauspieler, am markantesten Otto Sander, setzten Akzente im Ton. Doch es lag wohl an der großen Distanz zur Bühne, auf der die Akteure, dem Text getreu, wie zur Gerichtsverhandlung saßen: Dramatik wollte sich kaum einstellen. Die versprochenen neuen Bezüge zwischen den einzelnen Schichten des Texts verloren sich im Raum.

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ROCK

Wie man ohne Töne

spielen kann

„Sind das Laptops oder PCs, was die da eigentlich spielen live?“, hört man bang im Intro zum Clubhit dieses Sommers „Knartz IV“ fragen. Egoexpress machen sich gerne lustig über das Unverständnis, mit dem manche immer noch auf elektronische Tanzmusik reagieren. Doch wenn sich das Gewummere des Ausnahmetracks vor jedes Zagen schiebt, wird das entsetzte „Oh my God it’s Techno Music!“ zu einem Schlachtruf.

Mense Reents und Jimi Siebels sehen sich selbst noch als Techno-Novizen, sind beide doch verwurzelt im Indie-Rock: Mense spielt bei Stella und den Goldenen Zitronen, Jimi war Mitglied der Kolossalen Jugend. Auch das nach fünf Jahren neue Album „Hot Wire My Heart“ (Ladomat) verfolgt den Weg vom Song zum Track und zurück. Wirkt es auf der Platte noch konzeptuell und manchmal verschroben, zeigen Egoexpress live, was sie eigentlich wollen: Großraum-Rave.

Im Berliner WMF , wo sie ihr Album vorstellen, erklimmen schon bald Tänzer die Bühne, so dass die beiden Hamburger hinter ihnen verschwinden. So soll es sein: die Konzertsituation aufgehoben, die Musiker als erste Diener an der Menge. Techno. Zur neuen Single „Aranda“, das aus gefilterter Rhythmusgitarre und Stimme besteht, tanzt das Publikum, als wäre es auf Dancefloors selbstverständlich, fünf Minuten ohne jegliche Beats auszukommen. Track oder Song? Den Rest der Nacht beherrscht der knartzige Viervierteltakt, mal zum House, mal zu Disco neigend, immer geradeheraus und aufregend. Laptops, PCs oder doch Sampler? Ziemlich egal. Daniel Völzk e

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