Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Frieden im

Fortissimo

Dem Akt des gemeinsamen Musizierens sagt man gerne zivilisatorische Kräfte nach. Daher wird klassische Musik oft als Botschafter ausgesandt, um für friedliches Miteinander zu werben. Das World Orchestra for Peace , die „Vereinten Nationen der Musiker“, hat George Solti erstmals 1995 zum 50.UN-Geburtstag zusammengerufen. Heute folgen 110 Musiker aus 44 Ländern dem Wink Valery Gergievs : Erfahrene Orchestermusiker von Bombay bis Wien formen einen Klangkörper mit hörbarem Potenzial; gesponsert von Credit Suisse treten sie in London, Berlin, Moskau und Peking auf. Für den Frieden, wunderbar.

Doch wer sich auf so einem künstlerischen wie finanziellen Hochplateau bewegt, darf sich nicht damit zufrieden geben, nur ein Orchester aus aller Herren Länder einzubestellen. Er braucht eine verbindende musikalische Vision, wie sie Claudio Abbado mit seinem Lucerne Festival Orchestra lebt. Die Suche nach dem Moment, wo ein Klangideal zur gesellschaftlichen Utopie reift – für Gergiev leider ein Fremdwort. Der wahrscheinlich umtriebigste Dirigent der Welt, der gerne erwähnt, dass er seit Jahren zu wenig schläft, hält sich in der Philharmonie vor allem durch enervierende Lautstärke wach. Welches gesellschaftliche Versprechen, welche zarte Hoffnung in Wagners „Meistersinger“-Vorspiel steckt, entgeht Gergiev, weil er damit beschäftigt ist, von jeder Orchestergruppe neue fortissimi abzufordern. Rimski-Korsakows „Scheherazade“ klingt hier wie direkt vom Exerzierplatz, und unter den Eindruck von Blechgewittern wünscht man sich nur noch – Frieden.

* * *

ROCK

Schubber, wummer,

quietsch, kreisch!

„Love Me!“ – Jon Spencer holt zum großen Schlag aus, pumpt die Backen auf, flattert mit den Wimpern, dreht sich um die eigene Achse und knallt voll auf die Bretter. Neben seiner Tätigkeit bei der Blues Explosion hat sich der Rock-Besessene aus New York mit Matt Verta-Rey von Speedball Baby zusammengetan, um als Heavy Trash steinalte Rockabilly-Riffs aus dem Punk-Humus zu bergen. Ein Projekt, das zurückführt in die Zeit der Schmalztollen und Striptease-Kugelschreiber, zur Musik von Eddie Cochran, Gene Vincent oder Charlie Feathers. Jegliche mokante Kritik an der Wiederbelebung halb vergessener Klischees verbietet sich von selbst, wenn man sieht, wie schamlos die Band bei ihrem Auftritt im Postbahnhof das Publikum an den Ohren nimmt und „Rock’n’Roll!“ hineinbrüllt. Widerstand zwecklos. Ruckartiges Gerocke und Gerolle mit fetter Basstrommel, Standbass, aufgedrehten Twang-Gitarren. Es schubbert, wummert, schmirgelt, quietscht und kreischt. Spencer bewegt sich, als trüge er Elvis’ Goldlamé-Anzug. Zwei Schritte zurück, einen vor, die Crooning-Lippen eng ans Mikro gepresst. „I’m so greasy and I’m so mean/Eating fried potatoes and drinking gasoline!“, schreit er im verzweifelten Hinterhof-Loser-Stil. Das Gute an diesem Vollposer ist ja gerade, dass er sich so zwanghaft bemüht zu faken. Dabei weiß man nie, wie ernst er es meint. Eines aber steht fest: Diese Musik macht stark und sexy. Volker Lüke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben