Kultur : KURZ & KRITISCH

Tobias Schwart

THEATER

Der Strolch

im Gewande

Ein Strick. Ein Thron, auf dem ein Tyrann sitzt. Eine Hinrichtung? Fast. Aber ein dramatischer Auftritt sorgt schließlich für Erleichterung: „Mich Henker, erwürget. Da bin ich, für den er gebürget!“

Das Theater Strahl im Berliner Kulturzentrum Weiße Rose spielt Schillers „Bürgschaft“, als der Tyrann plötzlich zu lachen und zu rülpsen beginnt. Mit den Worten „Ich sei, gewährt mir die Bitte,in eurem Bunde der dritte“ klappt er ohnmächtig zusammen, und die eigentliche Handlung setzt ein: Der Tyrann ist der Schüler Robert (Dirk Böhme). Das Team Schiller probt eine Aufführung der berühmten Ballade. Als Robert mit einer Tablettenvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wird, fragen sich Lehrer und Mitschüler: Nahm er die Tabletten selbst ein oder wurden sie ihm untergejubelt?

Es geht um Mobbing. Günter Jankowiaks Stück Mit arger List führt immer tiefer in einen Sog aus Angst und Unterdrückung, für den die dominante Schülerin Leni (Anna Trageser) und das Alpha-Männchen Rektor Radebeul (Michael Meyer) gleichermaßen verantwortlich sind (wieder heute, am 1. und 2.9., 11 Uhr, Martin-Luther-Str. 77, Tel.: 030/75606646). Ein kurzweiliger Krimi mit pädagogischem Anspruch: „Die Bürgschaft“ gibt’s in einer Hip-Hop-Version, Schiller wird humorvoll aktualisiert. Und gegen einen oft brutalen Schulalltag hilft nur wahre Freundschaft. z

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POP

Teufels Werk und

Gottes Dreiklang

„We want Korn!“ brüllen Hunderte fröhlicher junger Menschen. Sie gieren nicht nach klaren Schnäpsen, sondern nach den amerikanischen Neumetallern der Gruppe Korn aus Bakersfield. Auf der Bühne der Berliner Columbiahalle sieht es eher nach Siegfried und Roy aus als nach Rock’n’Roll: zwei Raubtierkäfige links und rechts neben einem von schwarzen Vorhängen umschlossenen, mannshohen Geviert auf hohem Podest. Was haben sie dahinter versteckt? Die zersägte Jungfrau? Tiger? Weiße Riesenkarnickel? Die Vorhänge werden gezogen. Große Überraschung: Da steht ein Schlagzeug! Mit einem Schlagzeuger, der David heißt und präzise spielt.

Links lässt Bassist Fieldy heftig die Saiten flattern. Rechts puckert Munky Shaffer rhythmisch verdrehte Gitarrenakkorde, zirpende Licks. Kompakter Sound mit derartigem Schalldruck, dass dem Zuhörer Hosenbeine und Bauchdecke flattern, während sich der dreadlockige Frontmann Jonathan Davis durch sieben Korn-Alben der letzten zehn Jahre brüllt, rappt und manchmal sogar singt. Der alte Gitarrist Brian Welch hat die Gruppe kürzlich verlassen. Seit er zum Christentum gefunden habe, könne er im wüsten Krach der alten Kumpels nur noch das Werk des Teufels sehen. Aber halb so schlimm. Im Grunde sind Korn nette Jungs, die Spaß daran haben, sich den Alltagsfrust von der Seele zu donnern. Nach anderthalb Stunden sind alle klatschnass. Auffallend viele bohren sich beim Rausgehen in den Ohren. H.P. Daniels

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