Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

MUSIKFEST

Dvorák zwischen

Kirchensäulen

Erst denkt man: wie peinlich. Da kommt die Tschechische Philharmonie mit Dvoráks Frühwerk „Stabat mater“ nach Berlin, und der Saal ist halb leer. Liebe Musikfest-Macher, möchte man rufen: Verkauft Last-Minute-Karten, schickt Schulklassen in die Philharmonie, macht tüchtig Reklame, auch die Klassik sollte sich nicht zu fein dafür sein! Dann denkt man: wie schön. Ist ja doch eine andere Orchesterkultur, wie Dirigent Zdenek Mácal beim quasi biblischen „Stabat mater“-Anfang fast zaghaft aus einem einzigen Ton eine opulente Klangwelt entfaltet. Butterweich ist dieser Dvorák, mit abgeschliffenen Kanten, geschmeidigen Streichern, sonorem Blech. Aber schließlich schlafen die Ohren ein. Denn das Traditionsorchester hat sich gemeinsam mit dem Prager Philharmonischen Chor und dem Solisten-Quartett von Luba Orgonásová bis Peter Mikulas allzu gemütlich eingerichtet in der eigenen Klangkultur. Das sehnt, schluchzt und klagt immer nur ein bisschen. Der mal brodelnde, mal tänzelnde Untergrund: wie weggeputzt. Hauptsache homogen. Gedeckelte Stimmen zelebrieren eine blässliche Andacht. Dvorák wandelt zwischen Kirchensäulen.

Es ist wie bei der Musikfest-Eröffnung mit Kurt Masur am Abend zuvor: Die Berliner sind von eigenen Orchestern Aufregenderes gewöhnt als diese gleichsam paillettenbesetzte Altertümelei. Das alte, neue Musikfest kommt nicht aus den Startlöchern.

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VARIETÉ

Fleck an der

Wand

Wuschelschopf, rote Lippen, Brille, Streifenhose, Fliege. Ein dünnes Hemd. Ein Akrobat. Marcus Jeroch jongliert. Bälle und Bücher schleudert er in Umlaufbahnen spielerischer Schwerelosigkeit. Sätze seziert er zu Silben: Jonglage der Kalauer und Wortwitze. „Text Text Text / Die Verzweiflung wächst.“ Er misstraut den Vokabeln nicht wirklich wie sein depressiver Urahn Karl Valentin. Er vergnügt sich, mit Texten von Ernst Jandl und Friedhelm Kändler sowie eigener Lyrik.

Seine Vorstellung Höher Hören in der Kulturbrauerei (wieder am 8.9., 22.9. und 29.9.) ist nach „Sah Tiere mit Q“ und „Klos to you“ der dritte Teil eines vierteiligen Zyklus, mit dem der 41-Jährige die deutsche Sprache recycelt. Eine Geschichte erzählt er nicht, aber Geschichtchen. „Eine Farce / war’s.“ Höhepunkt ist Kändlers Dornröschen-Froschkönig-Ballade, an deren Ende die Lebensweisheit steht: „Manche Liebesgeschichten enden /mit Flecken an den Wänden.“

Doch wichtiger als die Inhalte der Geschichtchen sind dem Weltverdreher seine Pointen und die Poesie absurder Bilder. Sonst lebt der Abend vom Scherzfaktor gewagter Reime: „Wenn die Einsicht fehlt, wird gepfählt.“ Für einen Spannungsbogen reicht das nicht. „Die Weichen sind gestellt. Die Harten auch.“ Thomas Lackmann

THEATER

Blitze senden

für die Blinden

Eine blinde Platzanweiserin führt die Zuschauer in einen stockfinsteren Raum. Leise erklingt sphärische Musik von Paul Frick. Die Sinne arrangieren sich nur langsam mit der Situation. Dann plötzlicher Lärm. Wir befinden uns in einem Theaterstück nach Stanislaw Lems ScienceFiction-Roman Solaris von 1961. Jonas Zipf hat das Buch in der Brotfabrik fast in ein Hörspiel verwandelt (wieder heute 20.30 Uhr, 4.9. 20Uhr, 14.–17.9. 20.30 Uhr, 18.9. 20 Uhr). Schauspieler und Bühne sind nicht zu erkennen. Die Theaterfassung des 1972 von Andrej Tarkowski und zuletzt von Steven Soderbergh verfilmten Klassikers beschränkt sich auf spürbare Bewegungen der Sprecher, die so ein Raumgefühl erzeugen. Zwischendurch liegt Chlorgeruch in der Luft.

Zu sehen gibt es außer zwei kurzen Blitzen nichts. Solaris ist ein Planet, umhüllt von einem gallertartigen Ozean, der die Erinnerungen der Bewohner einer Raumstation materialisiert. Den Forschern erscheinen zum Teil tote Personen aus ihrer Vergangenheit. Wie die „Solariker“ der Raumstation müssen die Zuschauer in zwei Stunden eine fremde Umwelt erkunden. Solaris ist am eigenen Leib zu spüren. Tobias Schwartz

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