Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Flöten

und Frauen

Man muss einfach alles einmal ausprobieren: Warum nicht ein Spitzenensemble für Alte Musik mit modernen Klängen konfrontieren? Drei noch recht junge Komponisten und zwei Komponistinnen haben für das Freiburger Barockorchester Stücke geschrieben, die das Ensemble nun im Rahmen des Musikfests im Kammersaal der Philharmonie aufführt. Die Befürchtung, sie würden sich in pseudobarocken Klangspielereien ergehen, erweist sich schnell als unbegründet. Leider wird aber auch die Hoffnung enttäuscht, hier hätten sich zeitgenössische Komponisten von der spezifischen warmen und harmonischen barocken Klanglichkeit begeistern lassen.

Die fünf Werke klingen im Wesentlichen zunächst einmal so, wie Neue Musik halt so klingt. Die Stücke von Benjamin Schweitzer und Nadir Vassena geraten zudem staubtrocken und langatmig. „Imprint“ von Michel van der Aa gibt sich mit seinen prägnanten Rhythmen schon kurzweiliger, nur kennt man seine Stilistik brüchiger Erstarrung vom Vorjahr noch allzu gut. Van der Aa kann dort überzeugen, wo er elektronische und szenische Elemente nutzt, sein Stück für die Freiburger wirkt doch eher als Verlegenheitsarbeit.

Juliane Kleines groß besetztes Werk „…und folge mir nach“ erweist sich hingegen als gestisch und klanglich sensibles Stück. Es ist schön, wie sie vor allem mit den diversen Flöteninstrumenten spielt. Zum größten Erfolg des Abends wird dann „rubrikare“ von Rebecca Saunders, die den barocken Streichern die schönsten Klänge entlockt, die kontrastierende Truhenorgel hingegen eigenartig schnaufen lässt. So heißt es zum Ende des Konzerts 2:0 für die Frauen.

SHOW

Mord

an Bord

Die gute Nachricht: Man muss nicht sein eigenes Leben führen, um komisch zu sein. Die O-Ton-Piraten sind Helden der Wiedergeburt, Meister des Recyclings, Matadore der Montage. Fünf Komödianten, Tänzer, Verkleidungskünstler schlüpfen im Café Theater Schalotte in 41 Rollen. Agieren perfekt zur Ton-Kulisse Hunderter von Soundtrack-Schnipseln. Über den Kabinentüren des Kreuzfahrers kreist eine Holzmöwe. Miss Marple und andere erotische Damen begeben sich an Bord. Perlendiebstahl, Mord, Ermittlungen, Tropenlandgang, Piratentraum, die Offiziersmesse als singende Nescafe-Reklame – das passt alles ineinander.

Fragmente von „Nemo“, „Mörder Ahoi“ und „Tarzan“ fügen sich zum Plot. Passagierin Mrs. Bowers, der zwei Bezugspersonen gemeuchelt wurden, bekennt: „Wer wird denn weinen, wenn man auseinander geht.“ Drei Kobolde lullen sie mit Glenn Millers „Mr. Sandman“ und einem Kinnhaken in den Schlummer. Unter Seeräubern singt man Zarah Leanders „Ich kenn den Jimmy aus Havanna“ (aus dem Film „Ave Maria“, 1953) ebenso wie den Liebestango der Ärzte: „Du denkst, du bist die Allerschürfste für mich, biste aber nich, ich find dich widerlich.“ Der Chefpirat, ein phosporiszierendes Skelett, schwelgt mit dem Chanson-Klassiker „La Mer“ von blauer Unendlichkeit. Das nunmehr dritte Programm der O-Ton-Piraten heißt „Groß in Fahrt“ (8. bis 10. sowie 15. bis 17. September, jeweils 20.30 Uhr), bietet Ironie, Sentiment, Gags, gute Unterhaltung.

Und das ist die schlechte Nachricht: Seit seiner steinerweichenden Kitsch-Revue „Liebe ist!“ hat das Quintett leider an Herz und Charakter verloren. Thomas Lackmann

THEATER

Stimmen

im Nebel

Ein Tisch mit Stühlen steht inmitten eines weiten Raumes. Drumherum ein Kühlschrank, eine Truhe, ein alter Flügel. Ein Ventilator dreht sich langsam. Eine Uhr im Hintergrund, deren Zeiger stehen geblieben sind, symbolisiert auch noch die still stehende Zeit. Das altmodische Ambiente des Bühnenbildes erinnert auffällig an Anna Viebrocks Einrichtungen in Produktionen von Christoph Marthaler.

Katja Gaubs Inszenierung „City“ – nach einem Roman von Alessandro Baricco – ist offenbar auch strukturell an Marthaler angelehnt: Sologesang, Klavierspiel und kleine Chorstücke wechseln mit melancholischen und absurd-komischen Spielsequenzen. Seltsamen Statements wie „Hitlers Hand war irgendwie weise“ oder „Später las ich in der Zeitung, dass Eva Braun gar nicht Hitlers Tochter war“, folgt der Marilyn-Monroe-Klassiker „River of no return“. In tiefen Zügen leert unterdessen eine Alkoholikerin unaufhörlich ihre Flaschen.

Die Produktion der Sophiensäle gewinnt aber sehr schnell eine poetisch-filmische Eigendynamik (wieder vom 7. bis 11. September, 21 Uhr). Mal verwandeln Lichteffekte die Aufführung in einen Schwarzweißfilm mit Gelbstich, mal verfolgt ein Spotlight die Schauspieler. Die Darstellung ist von skurriler Tristesse, und es gibt auch so etwas wie Handlung: Das allein gelassene Wunderkind Gould (Andreas Schwankl) übt sich im Boxsport; das Kindermädchen Shatzy Shell (Rebecca Klingenberg) versucht, eine Depression zu überwinden. Nebenbei spricht sie ihre Vision eines Westerns in ein Diktiergerät. In anderthalb Stunden entsteht eine traumhafte Welt, die sich der Realität mit ihren intensiven Bildern entzieht. Tobias Schwartz

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