Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Klöppeln

und Klingen

Gut, dass im reizüberfluteten Popgeschäft auch eine Band Erfolg haben kann, deren markantestes Merkmal ihre Unscheinbarkeit ist. The American Analog Set, fünf Durchschnittstypen aus Austin, spielen im fast ausverkauften Magnet Club. Den erschöpfenden Raumtemperaturen begegnet die Band mit einer Entspanntheit, die sich wohltuend auf die Zuschauer überträgt. The American Analog Set erzeugen einen federnden, verzwickt groovenden, vom Rauschen und Brummen eines antiquarischen Moog-Synthesizers geprägten Soundteppich. Mitunter klingen sie wie Verwandte von Tortoise, deren näher am Jazz operierende Postrock-Schraffuren durch einen kompakten, uneitlen Kollektivstil ersetzt werden. Die Songs, meist von der neuen, zarten CD „Set free“ stammend, bleiben identifizierbar, verschleifen sich aber zum hypnotischen Klangkontinuum. Sehr schön, wie Bandleader Andrew Kinney versonnen ins Mikro haucht und der jungenhafte Sean Ripple feinmotorisch das Vibrafon beklöppelt. Später steigt leider der Anteil der Lautschwätzer im Hintergrund. Die unauffälligen Texaner beenden daher ihr Set nach 75 Minuten, ehe es zu Scharmützeln mit dem nachströmenden „Rockbar“-Publikum kommen kann.

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ARCHITEKTUR

Lernen

und Lärmen

1997 galt Pisa lediglich als die Stadt mit dem schiefem Turm und noch nicht als Synonym für den Schiefstand im deutschen Bildungssystem. Damals legte die evangelische Landeskirche Westfalen den Grundstein für die Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck. Mit ihr sollte in der wirtschaftlich gebeutelten Region verwirklicht werden, was heute allerorten gefordert wird: ein Ort für eine andere Pädagogik. Geplant war ein ökologischer Lernort, der zugleich als kulturelles Zentrum für den „Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf“ dienen sollte. Acht Jahre später ist die Schule fertig, und ein umfangreiches Buch dokumentiert Entstehung und Aussehen des ungewöhnlichen Projekts (Peter Hübner, Kinder bauen ihre Schule. Edition Axel Menges, Stuttgart 2005, 49,90 €). Mit seinem Wettbewerbsbeitrag ließ sich der Architekt Peter Hübner auf die Vision der Schule als „Stätte ganzheitlichen und sozialen Lernens“ ein.

So viel Vision wurde belohnt. Mit Holz, viel Grün und Wasserflächen wurde Hübners Schule, die die Struktur einer kleinen Stadt aufweist, verwirklicht. Und auch die Schüler wurden in den Bauprozess einbezogen, um ihre Traumklasse selbst zu entwerfen. Jürgen Tietz

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FOTOGRAFIE

Licht

und Lachen

Wie die Versicherungsangestellte Grete Popper (1897 bis 1976) das Fotografieren lernte, ist nicht bekannt. Vielleicht von Errell, einem erfolgreichen Berliner Reklamefotografen, der 1933 in ihre Heimatstadt Prag emigrierte und ihre Dunkelkammer mitbenutzte. Oder sie lernte es in den Amateur-Fotoklubs, in denen sie Mitglied war, als einzige Frau unter lauter Herren, in deren Umfeld sie zahlreiche Wettbewerbe gewann. Das Verborgene Museum bringt nun das vielseitige Lebenswerk dieser Künstlerin ans Licht, die um 1935 den Höhepunkt ihrer Karriere erreichte und nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit geriet (Schlüterstraße. 70, Do-Fr 15-19 Uhr, Sa–So 12-16 Uhr, bis 30.Oktober).

Das Schaffen Grete Poppers ist geprägt vom „neuen Sehen“ und spiegelt das fotografische Repertoire der Dreißigerjahre. Einfallsreich im Sehen und perfektionistisch in der Ausführung, fotografierte sie Prager Straßen und Cafés, morgens, abends, im Frühling. Sie nahm den Wenzelsplatz von oben aus dem Bürofenster auf, bei Regen und Schnee, eine Idee, die auf den amerikanischen Avantgarde-Fotografen Alfred Stieglitz zurückgeht. Gerade im besonderen Gespür für Licht verrät sich das außerordentliche Talent dieser Fotografin. Birgit Rieger

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ARCHITEKTUR

Gläser

und Gräser

Es ist kein ganz leichtes Unterfangen, eine rund 25000 Quadratmeter große Bibliothek in einer wohnzimmergroßen Galerie zu präsentieren. In der suitcasegalerie hat man sich dennoch an das Unternehmen gewagt und stellt dem Berliner Publikum Wiel Arets’ neue Utrechter Universitätsbibliothek vor (Choriner Straße 54, bis 2. Oktober). Zwei großformatige Fotos schaffen dabei einen Blickbezug nach Utrecht. Und da es sich ja um eine Bibliothek handelt, lädt eine knallig rote Bank dazu ein, Platz zu nehmen, um sich für alle Baudetails in Arets’ Veröffentlichung über sein jüngstes Projekt zu vertiefen (Living Library, Prestel Verlag, in der Ausstellung 35 €). Dass Arets, der übrigens als Professor an der Berliner Universität der Künste lehrt, im vielstimmigen Chor der niederländischen Architektur eine ganz eigene, markante Stimme besitzt, beweist er auch in Utrecht.

Der dunkle Bibliothekskubus wird von einem zarten Geflecht aus Schilfgras überzogen, das auf die Glasflächen gedruckt wurde oder sich als Relief im Sichtbeton abzeichnet. In Utrecht beweist Arets darüber hinaus, dass er neben der raffinierten Materialregie auch über die Fähigkeit verfügt, spannungsvolle Raumkonzepte zu entwickeln. Jürgen Tietz

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