Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

MUSIKFEST

Wo Glasharfen

tönen

Schlimme Minuten für den Orchesterwart: Bei dem Versuch, die durcheinander geratenen Noten zu Janáceks Sinfonietta wieder korrekt auf den Pulten des SWR Sinfonieorchesters anzuordnen, mischen sich diese wie ein Kartenspiel. Macht nichts! Die unfreiwillige Einlage à la Loriot bereitet dem Publikum in der Philharmonie mehr als nur diebische Freude: Der so geschaffene Abstand zu Anton Weberns „Das Augenlicht“ sowie seiner „Kantate Nr. 2“ tut den aufgeführten Werken gut. Denn so respektvoll glockig und unpopulistisch Sylvain Cambreling Janáceks berühmte Fanfaren auch ansetzt: Im direkten Anschluss an Webern hätten sie die unmerklich nachwirkende stille Kraft von dessen reduzierten Vertonungen leicht brechen können. Und die haben das Orchester, die Solisten Otto Katzameier und Melanie Walz sowie das SWR-Vokalensemble doch gerade erst mit traumhafter Klarheit entfaltet.

Vielleicht würde ein kleines Satyrspiel auch die Wirkung von Altmeister Henri Dutilleux’ Violinkonzert „Der Baum der Träume“ erhöhen. Das nämlich klingt eher matt. Umso überraschender konnte zuvor Hanspeter Kyburz in „Noesis“ punkten. Drei Mal wälzen sich die Mahlströme des Berliner Komponisten voran: klangliches Gerümpel, Schlacke und funkelnde Lava gleichermaßen mit sich führend. Und ein Mal gar samt mitgeschleiftem Publikum vor der Schönheit eines imitierten Glasharfentons erstarrend.

* * *

LITERATURFESTIVAL

Hunde sind

auch nur Menschen

Über 400 Kinder im Haus der Berliner Festspiele wollen den Kinderbuchautor Paul Maar erleben. Nach dem Staubsaugerduo Sabine & Markus betritt der Erfinder des berühmten Sams die Bühne. Mit lauten Paul-Maar-Rufen wird er wie ein Popstar zu seiner Lesung aus Herr Bello und das blaue Wunder empfangen. Die Geschichte des Herrn Bello ist ebenso simpel wie fantastisch: Bello, der Hund des Jungen Max, schleckt die Reste eines geheimnisvollen blauen Elixiers vom Boden auf und verwandelt sich daraufhin in einen Menschen. „,Herr Bello‘, sagte Herr Bello stolz. ,Herr Bello ist ein Mönsch.‘“ Dabei verhält er sich aber weiterhin wie ein Hund, jagt Hühner und leckt anderen Menschen das Gesicht ab. Max und sein Vater müssen Herrn Bello wohl oder übel Manieren beibringen. Tobias Schwartz

* * *

POP

Und das Mikro wirbelt

durch die Luft

Für Drummer sind bei Popbands in der Regel im Bühnenhintergrund schattige Plätzchen reserviert. Nick Hodgson von den Kaiser Chiefs aber trommelt gut ausgeleuchtet auf seinem Podest und stimmt bei jedem Song selbstverliebte Backgroundgesänge an. Die Kaiser Chiefs sind die britische Band der Stunde; der Postbahnhof ist ausverkauft. Die Menge gerät außer sich, wenn das Quintett aus Leeds seine Mitspring-Hymnen wie „Oh My God“ oder „I Predict A Riot“ runterschrubbt. Sänger Ricky Wilson beherrscht bereits die gängigen RockstarRollenspiele: Wenn er nicht zum Mitklatschen auffordert, wirbelt er sein Mikro durch die Luft, lässt sich auf den Händen durch die ersten Reihen tragen. All das überdeckt kaum, dass ihre Songs weniger Substanz haben als bei anderen Neo-Britpoppern wie Maxïmo Park oder Bloc Party. Mitunter erinnern die melodisch simplen Stücke an Biertrinker-Punks wie Sham 69 oder Siebziger-Teenie-Bands wie Slade. Trotzdem, den Massentauglichkeits-Test haben die Kaiser Chiefs bestanden. Nächstes Jahr sieht man sich bei „Rock am Ring“. Jörg Wunder

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben