Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

In den Ruinen

blüht Edelweiß

Postbahnhof , proppenvoll, Punkt acht: auf der mit Instrumenten und Verstärkern voll gestapelten Bühne wuseln Wilco aus Chicago. Nicht jedoch dieselben Wilco, die vor gut zehn Jahren erstanden waren aus Überbleibseln der famosen Countryrockband Uncle Tupelo. Und nicht dieselben Wilco, die vor einigen Jahren ein berauschendes Berlin-Konzert gaben. Nur Frontmann und Songwriter Jeff Tweedy ist noch dabei. Werden die neuen Musiker ihren grandiosen Vorgängern das Wasser reichen können? Sie können, das hört man schon beim ersten Song: „Hell is Chrome“. Heller Sound. Erinnerungen an The Band, die außergewöhnliche Band, die einst auch Bob Dylan begleitete. Im Zentrum steht Tweedy in zerrissenen Jeans und blauem Cowboyhemd mit Edelweiß-Stickerei. Singt hauchig, krähend. Spielt abwechselnd Akustik- und Stromgitarren. Zum orgeligen Hintergrund stellt er lange Sägetöne in den Raum oder klingelndes Fingerpicking. Angetrieben vom schweren Knüppeln des Drummers und peitschenden Bass. Sehens- wie hörenswert ein baumlanger Gitarrist mit rotem Flatterhemd, wie er hüpft, zuckt und zappelt, biegt und dreht: Körper, Gitarre, Töne. Während auf den Seitenflanken jeweils ein junger Mann im Tastenlabor arbeitet. Klänge in stetem Fluss, mitreißend und abwechslungsreich: zarte Folkmelodien werden weggefegt von Soundstürmen, im Tosen eines startenden Düsenjets. Um gleich wieder zurückzufinden in beschauliches Akustikgitarrenschrummeln, freundliches Schaukeln, Latin-Soul-Wippen, raffinierte Popmelodik, betörenden Harmoniegesang. Mit hypnotischen Psychedelia spielen Wilco die Fans schwindelig. Rocken in wüsten Stones-Riffs, Bo- Diddley-Beat unter Starkstrom. Bis alle auf und vor der Bühne rütteln und zucken.

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LITERATURFESTIVAL

Flug 870

meldet sich

In der Nacht des 27. Juni 1980 verschwand der Itavia-Flug 870 von Bologna nach Palermo schlagartig vom Überwachungsradar. Die Wrackteile fand man später auf einem zehn Kilometer langen Korridor nahe der sizilianischen Insel Ustica. Doch warum die Passagiermaschine mit 81 Menschen ins Meer stürzte, blieb eines der politischen Mysterien, an denen Italien so reich ist. Informationen wurden manipuliert oder versickerten in dunklen Kanälen. Erst im Jahr 2004 ergaben Ermittlungen, dass die DC 9 abgeschossen wurde.

Für den Schriftsteller Daniele Del Giudice ist der Vorgang zum Prüfstein der italienischen Demokratie geworden – und zum Gegenstand langjähriger literarischer Auseinandersetzung. In der Erzählung „Unreported inbound Palermo“, die er beim Literaturfestival vorstellte, kommen die Trümmer – in Ermangelung anderer Zeugen – selbst zu Wort. Auch zu einem Opernlibretto hat er den Stoff verarbeitet und zuletzt die multimediale Text-Bild-Musik-Performance „Gesang für Ustica“ entworfen. Del Giudice ist eben ein Mann vieler Talente. Er ist Hobbypilot, Antarktis-Reisender, Festivalgründer, ein feinsinniger Erzähler und politisch wacher Kopf. Ein blitzgescheiter Chronist. Heute ist klar, dass die DC 9 über Ustica in einen „Kriegshimmel“ mit Jagdflugzeugen aus Libyen und verschiedenen NATO-Staaten geraten war. Fest steht außerdem, dass hohe Militärs die italienischen Verfassungsorgane irreführten. Deswegen ging es in dem Gerichtsprozess des letzten Jahres auch um die Eigenständigkeit der Justiz – eine Nagelprobe auf die Gewaltenteilung. Zwei Generäle wurden wegen Hochverrats verurteilt. Doch ein Vierteljahrhundert nach dem Absturz ist die Straftat verjährt. Ob das Passagierflugzeug absichtlich abgeschossen wurde, und warum man die Aktion umgehend vertuschte, bleibt ungeklärt. Die Angehörigen der Opfer haben ihre Toten noch immer nicht begraben. Das, meint Del Giudice, verleiht den Ereignissen das Format einer antiken Tragödie. Fast könnte man sagen, der Itavia-Flug 870 sei noch immer unterwegs. Steffen Richter

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THEATER

Slapstick-Show

im Lokomotivschuppen

„Ich bin wieder dran“. Was Hamm, der Blinde und Gelähmte, in Samuel Becketts Endspiel forsch verkündet, nimmt Regisseur Rainer Behrend bei den Berliner Vaganten respektlos für sich selbst in Anspruch. Unbarmherzig in die strenge Struktur des Textes eingreifend, erzählt der Theatermacher eine neue Geschichte. Hamm darf mit seinem dienenden Faktotum Clov zu einer Clownerie antreten, einer Folge unterhaltsamer Nummern am Ende der Welt. Der Ort, kein klarer grauer Raum, wie von Beckett beschrieben, sondern eine Art Werkstatt und Lokomotivschuppen, in den Gleise hineinführen, beherbergt die Reste unserer Zivilisation. Aber das ist nicht beängstigend, sondern heiter. Denn Behrend macht Clov und Hamm als Narr und König zu einem Paar aus dem Geist der Komödie. Clov ist der Philosoph, der Bücherleser, der Nachdenkliche, der Erfinder, mit Axt und Zange und Elektroschocks auf das Leben des Herrschers aus und ihn doch verschonend. Er, nicht Hamm, ist fast immer dran, er vollführt die Slapsticks, er verführt zum Tänzchen, er kommuniziert mit den Eltern des Herrschers. Die hausen nicht in kleinen Mülltonnen, sondern in einem riesigen, vollgestopften Container mit offenem Deckel, der fast den gesamten Bühnenraum braucht (Bühne und Kostüme: Olga Lunow). "Endspiel wird bloßes Spiel sein" – an dieses, freilich vieldeutige Beckett-Wort hält sich die Aufführung – vielleicht bringen die Diener ja wirklich die Welt wieder in Gang. (Wieder am 13. und 30. September sowie vom 1. bis 3. Oktober, 20 Uhr) Christoph Funke

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