Kultur : KURZ & KRITISCH

Thomas Lackmann

LITERATURFESTIVAL

Neues vom

Weltfrieden

Das Thema heißt 9/11, vier Jahre danach. Doch zunächst geht es im Festspielhaus-Foyer um Eitelkeit. Beleidigt ist: Moderator Peter Schneider, weil seine Gäste andere Meinungen haben; der eine Gast, Eliot Weinberger , weil man sich vor der internationalen Presse nicht auf Englisch unterhält; das polyglotte Publikum, weil man ihm eine Übersetzung aufdrängt. Und der andere Gast, Tariq Ali , hebt die Brauen, weil man ihn in solch eine verzankte Szene gelockt hat. Wer vom Weltfrieden rede, spottet Weinberger, müsse in diesem Raum anfangen.

Konsens kommt auf, als der New Yorker jüdischer Herkunft und der Pakistani aus London das Bush-kritische Auditorium mit politischen Statements bedienen. Sie stimmen überein darin, dass sich 9/11 hätte verhindern lassen: durch Politik (Ali) oder Polizei (Weinberger). Pointen Weinbergers zur Steinzeit-EDV des FBI erregen Heiterkeit. Die Tragödie der letzten vier Jahre erkennt der Amerikaner darin, dass die Chance der USA, ihre Beziehungen zum Rest der Welt zu verbessern, ungenutzt verstrichen sei. Über käufliche US-Politik und regierungsfromme TV-Sender kann sich der Essayist nur sarkastisch äußern. Der Schriftsteller Ali wiederum sieht im aktuell schwachen Europa keine Alternative zur Dominanz amerikanischer Politik und Kultur. Europäische Verlage, sagt er, kauften ungelesen Titel von der Bestseller-Liste der „New York Times“! An diesem Abend sollte laut Ankündigung über das – veränderte? – Leben in New York und London gesprochen werden. Aber man mochte nicht einmal richtig miteinander reden.

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LITERATUR

Drei Brüder und

Hunger im Magen

Die anderen dürfen es nicht merken. Sie sollen nicht wissen, dass ihr Schulkamerad im Obdachlosenasyl wohnt, dass seine sechsköpfige Familie ihre Tage im „Kinder-Ess-Bade-Spiel-Küchen-Zimmer“ verbringt, mit Schlägern und Säufern als Nachbarn und einer „Mischung aus allen Körperdüften, die es gibt“. Ein halbes Jahr ist die Tarnung erfolgreich, die Mitschüler halten Axel für normal. Doch eines Tages möchte die Lehrerin, frisch aus New York zurückgekehrt und voll des sozialpolitischen Elans, das Thema Armut behandeln und sagt: „Erzähl doch mal, Axel. Du wohnst doch auch in solchen Verhältnissen.“

Axel Altenburg hat an jenem Tag in der Schule geschwiegen. Erst jetzt, in seinem autobiografischen Debüt „Stinkehose“ (Klingenstein Verlag, Stuttgart 2005, 254 S., 17,90 Euro), beginnt er zu erzählen, wie es ist, in „solchen Verhältnissen“ zu leben: aufzuwachsen im Berlin der Sechziger- und Siebzigerjahre mit einem prügelnden, oft besoffenen Vater, einer überforderten Mutter, die alle Bekannten um Geld anpumpt, mit drei Brüdern und Hunger im Magen. Dabei herausgekommen ist ein beklemmendes und fesselndes Buch, außergewöhnlich deshalb, weil es die Innensicht eines Milieus bietet, das viele nur von ferne oder aus der Zeitung kennen. Altenburg, einer der Preisträger des Tagesspiegel-Erzählwettbewerbs 2003, schreibt einfach, klar, unsentimental. Sein Buch wirkt durchweg authentisch – auch in dem zwischen den Zeilen durchklingenden Stolz, sich selbst mit einer Einzelhändlerlehre hochgearbeitet zu haben, raus aus diesem zermürbenden, übel riechenden und verrohenden Zustand, der Armut heißt. Dorothee Nolte

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AUSSTELLUNG

Frisurtipps von der

australischen Jugend

Die Erfinder der VoKuHiLa-Frisur (vorne kurz, hinten lang) heißen Sharps oder Sharpies und sind die einzige original australische Jugendbewegung der Siebzigerjahre. „Punk kam aus England, die Hippie-Bewegung aus den USA. Aber Sharpies gab es nur in Australien“, sagt Larry Jenkins. Der Künstler war Anführer der berüchtigten „Blackburn South Sharps“, einer Gang, die damals die Vororte von Melbourne unsicher machte. Und er fotografierte. Mit einer gebrauchten 8-mm-Kamera, die er von seinem ersten Lehrlingsgehalt gekauft hatte. Er fotografierte seine Freunde mit ihren viel zu kurzen Jeans, den maßgeschneiderten, aber zu engen Strickjacken und den exklusiv angefertigten Lederschuhen – nur die passten. „Wir trugen zu kleine Kleidung, um größer und gefährlicher zu wirken“, erklärt Jenkins. Der damalige Teenager arrangierte Gruppenbilder nach dem Vorbild von Spaghetti-Western. Und er fing flüchtige Augenblicke ein: Sharps vor dem Supermarkt, an der Bushaltestelle, am Fish&Chips-Restaurant. Schnappschüsse eines fast vergessenen Teils der australischen Kultur- und Sozialgeschichte, die in Melbourne zu einem Sharpie-Revival führten. Die Fotos sind bis 20. Oktober unter dem Titel Sharpies in der Australischen Botschaft (Wallstr. 76-79, Mitte) zu sehen. Und die Haare? Die Frisur ließ die Ohren frei, dadurch kamen die Ohrringe besser zur Geltung. Die Sharps waren die ersten Männer in Australien, die sich piercen ließen. „We were the bad boys“, sagt Jenkins und grinst. Seine Haare sind heute auch hinten kurz. Lea Streisand

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