Kultur : KURZ & KRITISCH

Steffen Richter

LITERATURFESTIVAL I

Allah und

die Vernunft

„Wenn etwas kompliziert ist“, spricht Emine Sevgi Özdamar , „muss man es noch komplizierter machen. Dann wird es einfacher.“ Wer aus der Türkei nach Deutschland kommt, zwischen zwei Sprachen und Identitäten pendelt, geht am besten erst einmal nach Frankreich. Özdamars Literatur jedenfalls sind Grenzüberschreitungen aller Art zugute gekommen. Mal überlagern sich Deutsch und Türkisch, dann werden Wertvorstellungen wie Ehre und Scham mit den Marx Brothers und Baudelaire gekreuzt. Und natürlich flüstert die Schauspielerin, die Özdamar auch ist, der Autorin einiges ein. Das macht ihre Lesung zum kleinen Gesamtkunstwerk aus Stimme, Gestik und Mimik. Kein Wunder, dass über 100 Zuhörer die aktuelle Trägerin des Kleist-Preises beim Literaturfestival erleben wollten. „Allah soll dir in Deutschland Vernunft beibringen“, hatte der Vater in „Die Brücke vom Goldenen Horn“ gegen die Reisepläne seiner Tochter gewettert, „du kannst nicht mal Spiegeleier braten.“ Doch die Sehnsucht nach dem Brecht- Theater siegte. Sie sei in ihrer Muttersprache „sehr müde geworden“, sagt Özdamar, ihre türkischen Wörter brauchten ein Sanatorium. Das hat – trotz der wunderbaren Sprachfindungen – rein gar nichts mit „1001 Nacht“ zu tun. Das sind Erfahrungen einer türkischen 68erin. So schelmisch und leicht ihre Bücher daherkommen – das Einfache war zuvor oft sehr kompliziert.

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LITERATURFESTIVAL II

Kulturkrieg

im Bett

Die Soiree im Festspielhaus -Foyer beginnt mit einem Prelude des Marimbaphons. Der musikalische Auftakt setzt sich fort in Rashid al-Daifs arabischer Rezitation, im melodiösen Rhythmus seiner Ost-Muttersprache. Die West-Muttersprache des Libanesen ist Französisch. Sein als Brief an den Nobelpreisträger und Selbstmörder formulierter Roman „Lieber Herr Kabawata“ kreist um eine Bürgerkriegs-Jugend in Zeiten kultureller Modernisierung. Frank Arnolds Lesung aus der deutschen Übersetzung lässt Fantasien des Dichters passieren, der sieht, wie sein Spiegelbild sich abwendet: „Einen Augenblick meinte ich auseinander zu fallen.“ Al-Daif träumt von einer Riesenbüste, aus deren Ohren Soldaten krabbeln. Unter dem Druck des Krieges habe er seinerzeit geschrieen: „Leute, das Haus brennt ab!“ Mittlerweile beschreibe er den Kulturkrieg im Bett. Auf diesem west-östlichen Diwan erkennt der arabische Ehemann, mit welchen Ideen und Moden sich seine Frau befasst; er bekomme Angst vor ihr, frage sich, woher sie all das weiß. Drei Religionen hätten die Herrschaft des Mannes errichtet, die Moderne drehe dieses Herrschaftsverhältnis um. Doch zur Beendigung des Geschlechterkriegs brauche man eine Vertragslösung. Rashid al-Daif lächelt. Der Bürgerkrieg, immerhin, ist im Libanon beendet. Thomas Lackmann

PUNK

Wuchtige

Zärtlichkeiten

Schon bevor Pere Ubu erscheinen, wirkt die winzige Bühne im gut besuchten Quasimodo ziemlich zugebaut: Das Durcheinander aus Verstärkern, Lautsprechern und Instrumenten wirft die Frage auf, wo da noch eine Band hinpassen soll. Noch dazu eine, deren Sänger David Thomas heißt. Der schwergewichtige Riese schlängelt sich dann aber behende hinters Mikrofon. Mit seinen vier Begleitern bildet er die ungefähr 25. Formation der legendären Punkband aus Cleveland. Traumwandlerisch sicher bewegen sich die Musiker zwischen morastigem, zähem Industrial- Blues und harschen Speed-Explosionen. Gitarrist Keith Moliné spielt quecksilbrige Akkorde und splitternde Soli, während Robert Wheeler seinem Uralt-Synthesizer sphärische Klangwolken entlockt. Doch David Thomas ist das Energiezentrum der Band. Sein exaltiertes, fisteliges Schreien, Röcheln, Flüstern und Winseln fängt ungefähr da an, wo vermeintliche Vokalakrobaten wie David Byrne aufhören. Zugleich umhüllt er die Lieder mit einer zerbrechlichen, anrührenden Zärtlichkeit. Selten hat man ihn so gut gelaunt gesehen: Songs über Punks in der Midlife-Crisis oder die hassgeliebte Provinzheimat werden humorvoll anmoderiert. Dazu inszeniert er beiläufig eine hinreißende Tom-Waits-Parodie und liefert sich kleine Neckereien mit dem Rest der Band. Nach 80 Minuten euphorischer Applaus für einen wahrhaft großen Künstler. Jörg Wunder

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KUNST

Liebe

in vollen Zügen

Zwischen 2002 und 2003 war Horst Hamann in Deutschland unterwegs, um Züge in der Landschaft, Gleisstrecken und Bahnhofsgewimmel zu fotografieren. Das Ergebnis der Reise ist ein von der Deutschen Bahn gesponserter Bildband (Edition Panorama, 100 Euro). Der aufkeimende Verdacht auf Hochglanz- PR für den Konzern zerstreut sich schnell im Museum für Kommunikation , das eine Auswahl der Hamann’schen Seh-Fahrten präsentiert (Leipziger Str. 16, bis 25.9.). Wo der Fotograf die nächtliche Tristesse eines Kölner Logistikcenters ins Bild setzt oder eine Hand voll verschlafener Pendler in München am Morgenzug abfängt, ist der Betrachter für den unspektakulären Deutschland-Alltag bereits gewonnen. Die Bilder sind aufgenommen mit einer speziellen Panorama-Kamera, die auf einen normalen Kleinbildstreifen raumgreifende Cinemascope-Bilder zaubert. Wie Wim Wenders’ filmische Elegie „Im Lauf der Zeit“ ist Hamanns Einzelbild-Roadmovie konsequent in Schwarz-Weiß gehalten. Seit 1989 lebt Horst Hamann in New York. Für den gebürtigen Mannheimer bedeutete die Deutschlandtour eine Entdeckungsreise. „Ich habe mich verliebt in Deutschland“, sagt er. Wer seine spröde- schönen Bahn-Bilder sieht, glaubt es ihm. Jens Hinrichsen

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