Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

THEATER

Was in der

zweiten Nacht geschah

„Frauen dürfen nicht gebraten werden“. Die Losung wird für das Sehnsuchtsland El Dorado ausgegeben. Ein echter Fortschritt in der Zivilisationsgeschichte, zeigt Regisseur Zé Celso mit seinem Teatro Oficina . Nach den „Porno“-Attacken der Berliner Boulevardpresse müssen viele Besucher der Berliner Volksbühne abgewiesen werden. Die Zahl der Internetzugriffe auf die Theaterhomepage hat sich verdreifacht.

„Der Mensch“, der zweite Abend des Epos „Krieg im Sertao“ (wieder am 21. – 24. 9.), bietet viele Schlachtenszenen und Nacktheit. Sex und Politik gehören für Zé Celso zusammen. Dass er sich mit karnevalesken Mitteln mit der kolonialen Vergangenheit auseinander setzt, ist – unverschämt brasilianisch. Sein Theater basiert auf der Erkenntnis: Geschichte ist eine Riesensauerei! Der Gipfel der Vorlust ist erreicht, als einem dicken Bischof schwant, dass er gleich von den Eingeborenen verspeist wird. Achtung: Beim Einverleiben des Feindes, informiert die Volksbühne, handelt es sich um eine genuin brasilianische Kulturtechnik. Ob dieser anthropophage Ansatz sich weltweit nutzen lässt – dieser Frage will ein Podiumsgespräch am 20. September nachgehen. Die Darsteller haben sich den Stoff mit Haut und Haaren einverleibt, bleiben dicht am Zuschauer. Kurz wird Renate Klett angeknabbert – die weitgereiste Theaterkritikerin dürfte Verständnis dafür haben. Ist das bereits Unzucht mit dem Publikum? Auch Berliner Schüler treten am zweiten Abend auf: In der kurzen Tanz- und Gesangsszene sind alle Darsteller vollständig bekleidet.

„Muße, Brunft, Brunft, Brunft“ ist die letzte Szene überschrieben. Die Akteure holen sich willige Berliner auf die Bühne – zum Schmusen. Das Massakrieren und Missionieren mündet in einer Kuschelparty; so zivil geht es zu in der bösen Volksbühne. Die befürchtete, erhoffte Orgie findet nicht statt.

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LITERATURFESTIVAL

Männerfantasie

und Damenbesuch

Eine Damenbegegnung kündigt Joachim Fest im Haus der Berliner Festspiele an, nachdem das steife Vorstellungsritual durch Gustav Seibt männerbündischen Trutz hatte erwarten lassen. So aber neigt nicht nur der Schüler dem Meister das Ohr und umwirbt ihn mit Widerstandslegenden: von der Dieffenbachstraße, wo Seibt seinen ersten Berliner Wohnsitz nahm und „tagtäglich“ bewundernd des Vorbildes Fest gedachte, der dort während der NS-Zeit wegen einer Hitler-Karikatur relegiert worden war.

Der ehemalige „FAZ“-Herausgeber Fest findet in so unterschiedlichen Damen wie Hannah Arendt und Ulrike Meinhof seine Meisterinnen. Ohne Umschweife bewundert er die eine als das „Mädchen aus der Fremde“, das ihm, dem Auch-Fremden, im fernen Amerika das „alte Herz ausschüttete“ und noch einmal die unglückliche Liebe zum Philosophengenie Heidegger auferstehen ließ. Fasziniert und vorsichtig beäugt er die andere, die an der Tauglichkeit ihrer aufklärerischen Mittel zweifelte und dann „abrutschte“. „Abrutschen“, so spricht man gemeinhin von Zöglingen auf der schiefen Bahn, und so bändigt man das Beunruhigende, das von kompromisslosen (weiblichen!) Entscheidungen ausgeht. Dabei trieb die Meinhof doch ein ähnliches „Lebensthema“ um wie Fest: der Nationalsozialismus. Kurz vor Schließung des „Zeitfensters“ fühlt sich Seibt dann doch noch „gehalten, ein Gespräch zu führen“ und bedauert ungewohnt ironisch, dass es den Jüngeren an solch exorbitantem Lebensthema mangele. Es brauche halt die „Begegnungen“ mit den Großen, um das „kleine Leben“ aufzupolieren. Ulrike Baureithel

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KLASSIK

Bericht aus

einer Akademie

Auf dem Weg zur Friedrichswerderschen Kirche am Schlossplatz vorbeigekommen: Ob sie den Königspalast aufbauen? Egal – wir gehen zur spannenderen historischen Denkmalsbaustelle: Hier, im angemessenen frühromantischen Ambiente, packt das Zelter-Ensemble der Sing-Akademie zu Berlin die Schatzkisten ihres legendären Notenarchivs aus. Die Klanggebäude, die Joshard Daus und seine Choristen mit Sorgfalt und Klangschönheit errichten, bleiben keine tote Architektur: Das Programm wird mit Zitaten aus dem Leben der 1791 gegründeten Institution bereichert. Diese war, in ihren besten Momenten die gelebte Utopie einer besseren preußischen Gesellschaft, in der Frauen und Männer, Fürsten und Bürger, Christen und Juden gleichberechtigt auf ihre musikalischen Ziele hinarbeiteten. Und das nicht nur bei der spektakulären Erstaufführung der Matthäuspassion.

Die Erstaufführungen des Abends zeigen, dass auch Werke unbekannterer Meister großer Wirkungen fähig sind: Am beeindruckendsten verbindet sich Carl Friedrich Faschs 16-stimmige Messe mit Geist und Akustik von Schinkels neugotischem Gewölbe. Und wenn ein gewisser G. A. Schneider in kühnen Tönen die verstorbene Königin Luise feiert, der polnische Fürst von Radziwill virtuose Cellobegleitungen zu Goethes druckfrischem Faust fiedelt und der Berlinbesucher Schiller von Singakademiedirektor Zelter mit der volksliedhaften Erstvertonung seiner „Ode an die Freude“ begrüßt wird, glaubt man zumindest für einen kurzen Moment, man sei selbst dabei gewesen (noch einmal heute, 20 Uhr). Carsten Niemann

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