Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Lieder

vom Tod

Mit „Nocturne“ hat Schostakowitsch den ersten Satz seines a-Moll-Violinkonzerts überschrieben – doch so eine Nacht möchte man lieber nicht erleben: Schwer atmet das Orchester, die Geige führt verzweifelte Selbstgespräche wie ein Gefangener in seiner lichtlosen Zelle. Sarah Chang, die amerikanische Girlie-Geigerin, gibt sich rückhaltlos düsteren Gedankengängen hin, spielt im Scherzo die Melodielinien so schroff, bis sie klingen wie grimmiges Lachen. Ein forderndes Schostakowitsch-Programm hat Simon Rattle für diesen dritten Saisonabend mit seinen Berliner Philharmonikern zusammengestellt; umso lieber beobachtet man die beiden Kinder im Publikum, deren Hälse beim wilden Totentanz immer weiter zu wachsen scheinen, mitgerissen vom virtuosen Furor der Sarah Chang. Mit der 14. Sinfonie präsentiert Rattle keines der groß besetzten Orchesterstücke, die man bei den Philharmoniken erwartet, sondern ein intimes Werk, mehr Liederzyklus als Sinfonie. Karita Mattila und Thomas Quasthoff singen in den Worten Lorcas, Apollinaires und Rilkes vom Tod, dem sich der Komponist 1969 nahe fühlte. In Rattles radikal unsentimentaler Deutung aber atmet diese Musik vor allem Freiheit. Die Freiheit des Andersdenkenden. (Am 22. 9. spielt Sarah Chang mit Solisten der Philharmoniker im Kammermusiksaal Werke von Tschaikowski und Brahms.)

* * *

LITERATURFESTIVAL

Tomatenwein

und Pferdeäpfel

Tilmann Rammstedt tritt hinters Mikrofon. Das Publikum hält sich die Ohren zu. „Wir haben drei Stunden Soundcheck gemacht“, sagt Rammstedt, „es kann nichts schief gehen“. Das Zosch ist bekannt für unkonventionelle Literatur. Zosch ist Punk. Man ist auf einiges gefasst. Scritture Giovani – fünf junge Autoren aus Italien, Großbritannien, Polen, Norwegen und Deutschland lesen mit Unterstützung der Band FÖN ihre Texte. Weder das italienische Original noch die Übersetzung von Marco Archettis Texten sind zu verstehen. Aus den Lautsprechern dringt schmerzhaft lautes Knarzen. „Ich dachte, wir gehen auf eine Lesung“, brüllt ein Mädchen in Richtung ihrer Freundin. Die hebt entschuldigend die Schultern. Fflur Dafydd erzählt auf Walisisch über „selbst gemachten Tomatenwein“. Daniel Odija liest seine Geschichte „about killing chickens“. Nach Antje Ravic Strubel kommt FÖN. Die Band singt „Es gibt zwei Sorten von Pferden, die, die was waren und die, die was werden“ und trotz miserabler Beschallung gehen die meisten mit. „Wie war das früher, als es keine Mikrofone gab?“, fragt Michael Ebmeyer bei der zweiten Zugabe. Ganz klar. Besser. Lea Streisand

POP

Die Entdeckung

der Langsamkeit

Zwei Bands, die im Rahmen der Popkomm in die Stille hinein lauschen. Was fatal sein kann, wenn man im Festsaal Kreuzberg vor einem hemmungslos quasselndem Publikum steht. Zunächst erwischt es Savoy Grand aus Nottingham, die um die Schönheit der verschleppten Songform wissen und die einzelnen Noten so langsam strecken, wie man es bei den schwierigsten Gymnastikübungen tun muss. Schon nach kurzer Zeit ist man von der betäubenden Langsamkeit erschlagen, gefangen von der Leere, die sich zwischen den Tönen breit macht. Einzelne verlorene Gitarrenakkorde kriechen aus den Boxen. Songs vom neuen Album „People and what they want“. Wie mit der Pinzette hingetupft. Auch The White Birch kennen keine Eile, dafür alle erdenklichen Slow-Motion-Elemente. Inklusive Soundcheck, der sich endlos hinzieht, so dass die Band aus Oslo erst nach Eins beginnt, ihre zurückhaltende, fast scheu inszenierte Musik vorzutragen. Mit Cello, Bass, Gitarre, E-Piano, Klopfschlagzeug. Dazu die verhaltene Stimme von Ola Flottum, der wie in Trance über die Stücke schwebt. Salonhaft gezielt und artikuliert im Ausdruck. Und wenn diese verfeinerte Schlappheit sich erst steigert, ist der Effekt besonders groß. Volker Lüke

* * *

THEATER

Märchen

und Pärchen

Der Boden der Sophiensäle ist komplett mit Kies bedeckt. Die Schauspieler schaufeln sich ihre Bühne frei. Dabei helfen Freiwillige aus dem Publikum, die zum Vergnügen der Zuschauer für diese eigentlich simple Arbeit genauestens instruiert werden. Natürlich impliziert der groteske Akt eine Symbolik: Nicht nur die Bühne, sondern auch ein altes Grimm’sches Märchen wird hier ausgegraben. Schneewittchen , das der Schweizer Robert Walser einst in ein scherzhaft-bissiges Versdramolett verwandelt hat (wieder am 18. und vom 22. bis 25.9., 20 Uhr). Schneewittchen (Ursina Lardi) ist durch ihre Erlebnisse – die Mordversuche der Königin (Martina Krauel), ihrer Stiefmutter – arg verwirrt. „Wär ich bei meinen Zwergen doch.“ Der Prinz (Alexander Speck), ihr Retter, entpuppt sich als eitler und wankelmütiger Tölpel, der von seiner zukünftigen Braut schnell genug hat. „Ach ließ ich dich doch in dem Sarg. Wie lieb du da lagst.“ Nun begehrt er die Stiefmutter. Diese entdeckt aber ihre Liebe zu Schneewittchen neu und bändelt mit dem Jäger (Matthias Habich) an. Die dezente, kurzweilige Inszenierung von Thorsten Lensing und Jan Hein ist dem Dramolett angemessen. Die Konzentration auf Sprache und Komik Robert Walsers bewährt sich – dank der Schauspielkunst der Darsteller. Tobias Schwartz

0 Kommentare

Neuester Kommentar