Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrike Baureithel

LITERATURFESTIVAL

Ein Schwabe

im Pantheon

Wie übersetzt man gelebte Erfahrung in eine fremde, hegemoniale Sprache? Und was bedeutet Literatur für die Unterdrückten und Verfolgten? Ob Zufall oder programmatisches Kalkül, fand das Literaturfestival kurz vor Schluss in Wolfgang Fritz Haugs Vortrag über Antonio Gramsci im Haus der Berliner Festspiele noch einmal zurück zu jenen Themen, die in den vorangegangenen zehn Tagen immer wieder explizit oder beiläufig angeklungen waren. Die Lesung, mehr schon eine Vorlesung und vom Dichterfreund Volker Braun zurückhaltend sekundiert, folgt dem italienischen Erneuerer des Marxismus ins Gefängnis und blickt ihm über die Schulter, als dieser nach drei Jahren Schreibverbot mit den ersten Sätzen zu ringen beginnt, aus Furcht, nun „etwas für ewig machen zu müssen“.

In anspruchsvoller Verdichtung von Theorie und Leben führt Haug von den Höhen des antiken Pantheon in die literarischen Salons (erster Austragungsort der Zivilgesellschaft) bis in die Niederungen der zehnjährigen qualvollen Haft, während der Gramsci die 28 berühmten Gefängnishefte verfasst. Der aus armen Verhältnissen in die italienische Hochkultur eingewanderte Sarde wusste um die Gewinn-und-Verlust-Rechnung der widerstreitenden „zwei Kulturen“. Ob es allerdings, wie Haug kokettierte, ein nach Berlin „eingewanderter“ schwäbelnder Professor mit dieser existenziellen Erfahrung aufnehmen kann? Nun denn, im Pantheon wohnen viele Götter, und warum sollte nicht auch das Schwäbische sein Plätzchen finden.

OPER

Ein Kiffer

zieht weiter

Mira ist nicht begeistert, als sie nach harter Arbeit in ihr überbevölkertes Wohnzimmer kommt. Ihr Freund Sascha hat seine besten Freunde, also uns, die Zuschauer, zu sich nach Hause eingeladen, um seine neuesten Computeranimationen anzusehen. Die werden viel aufregender, wenn man die Wirkung mit Drogen unterstützt, und das tut Sascha ausgiebig. „Eine Kifferoper“ heißt „ Die gelbe Prinzessin “ an der Neuköllner Oper im Untertitel, und Christian Ströbele könnte hier die unglücklichen Folgen von Cannabiskonsum auf Beziehungen studieren. Prompt geraten Sascha die Wirklichkeitsebenen durcheinander, und er muss seiner Liebsten erklären, weshalb er sich in eines seiner Computergeschöpfe verliebt hat. Also kommt es nach vorabendserientauglichen Dialogen nicht zum Happy End.

Keimzelle dieser hübschen Kleinigkeit ist die erste Oper von Camille Saint-Saëns, dessen Musik Stefan Paul an den Keyboards kräftig durch den Wolf dreht. Gesampelt und gescratcht, klingt das mal nach Club-Lounge, mal nach Kitaro-Kitsch und bietet der Sopranistin Viktoria Kang und dem Tenor Birger Radde immer wieder Gelegenheit, Saint-Saëns’ aparten Exotismus über die modernen Zutaten siegen zu lassen. Regisseur Florian Lutz hat das mit Sinn für hübsche Detaillösungen inszeniert, doch wird bis zum Schluss nicht recht klar, welches der zahlreichen angerissenen Problemchen ihn eigentlich interessiert. Doch dann ist das Stündchen schon vorbei, und Saschas Freunde ziehen weiter, damit Mira in Ruhe schlafen kann. Uwe Friedrich

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