Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Im Schweiße

seines Anzugs

Krimi-Musik-Getöse, schweres Gebläse vom Band. Bernd Begemann huscht auf die dunkle Bühne – in Senfjackett, Lachshemd, Senfkrawatte, weiße Hose. Wie ein Gebrauchtwagenhändler auf Mallorca-Urlaub. Und so charmant, dass man ihm sofort alles abkauft. Bernd ist kein Schönsänger, aber einer mit tiefem Gefühl, Shouter, Schreihals. Krächzt, faucht, flüstert, kreischt: „Ich bin zu alt, mein Blut ist kalt“. Allein ist er schon eine Wucht, mit Band knallt er noch mehr. Krachende Drums, klassische E- Piano- und Orgel-Sounds. Dazu fetzt Bernd wüste Power-Chords aus der Gitarre. „Danke für den Schmerz“. Den er in pure Energie umwandelt. Wie die britischen Mods. Von denen er die rauhe Spielart des Motown- Soul adaptiert hat, die groben Riffs, die schönen Melodien. Northern Soul, norddeutsche Seele. Bringen die Fans im knackvollen Knaack zum Wippen, Lachen und Singen: „Ich habe nichts erreicht außer dir!“. Er rüttelt an der Gitarre, lässt den Bauch schwabbeln, Schweißflecken auf dem Hemd. „Wo sind die Frotteehandtücher?“. Keine da. Aber immer mehr Songs. Abgefetzte Rocker, hymnische Balladen. Viertel vor eins kommen die Frottéehandtücher zur Zugabe. Und Bernd und Band spielen noch eine halbe Stunde.

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KUNST

Durch sieben Türen

musst du gehen

Minimalism and after nennt sich eine Ausstellungsreihe im Haus Huth , mit der DaimlerChrysler seine neuesten Erwerbungen auf dem Kunstmarkt zeigt. Inzwischen ist man bei der vierten Ausgabe mit Arbeiten von 24 Künstlern angelangt (Alte Potsdamer Str.5, bis 27.November). Seit jeher erwerben die Stuttgarter mit Vorliebe konkrete Kunst und deren Derivate, und so ist auch diesmal die Farbfeldmalerei stark vertreten, was sich im Dekorativen zu erschöpfen droht. Interessanter sind da jene Werke, die von der Generallinie der Sammlung abweichen – oder den Besucher mit vergessenen Künstlern bekannt machen wie dem 1990 in Mexiko City verstorbenen Architektur-Fantasten Mathias Goeritz. Von ihm ist die Stahlskulptur „Türen ins Nichts“ von 1971 zu sehen: sieben hochkant gestellte Vierecke unterschiedlicher Größe, keines höher als 30 Zentimeter. Sie demonstrieren, wie wenig es braucht, um die Vorstellungskraft zu entfalten und gleichzeitig ins Leere zu laufen. Brisanter ist allerdings Santiago Sierras Fotoserie „111 Konstruktionen mit 10 Elementen und 10 Arbeitern“. In ihr wird nicht nur die Minimal Art bis zur Karikatur ironisiert, sondern auch im Subtext vermittelt, wodurch Kunst, Industrieproduktion, Mehrwert entstehen: durch Ausbeutung, schiere Behauptung und starke soziale Gefälle. Ulrich Clewing

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