Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadja Geer

ROCK

Fansein schützt

vor Alter nicht

Der Mann weiß, was er will. „Mach das Licht aus“, herrscht er mitten im Konzert einen Techniker an: Turn out the blue light and never turn it on again.

John Cale , der da vorne auf der Bühne steht, mit grauen ungekämmten Haaren und weiter Drillichhose, darf das. John Cale ist eine Legende. Er war in den Sechzigern der zweite Chef neben Lou Reed bei „The Velvet Underground“, hat unsterbliche Solo-Platten herausgebracht wie „Paris 1919“ und mit Brian Eno herumexperimentiert. Seltsamerweise wissen das viele nicht. Seltsamerweise spielt John Cale im kleinen Columbiaclub , wenn auch vor vollem Haus. Seltsamerweise sind viele brave Mütter da, einige haben sogar ihre Kinder mitgebracht. Aber vielleicht ist das gar nicht so seltsam, denn Fansein schützt vor Alter nicht.

Das Gute: Rockstars über sechzig fangen ihre Konzerte pünktlich an. Kurz nach 21 Uhr nimmt Cale seine elektrisch verstärkte Viola auf den Arm und streicht: „Venus in Furs“. Er geniestreicht es sozusagen, denn mit dieser SM-Hymne (Shiny, shiny boots of leather) hat er das Publikum sofort in der Tasche. Erstens weil es ein unglaublich gutes Stück ist und zweitens weil er damit klar macht, wer das musikalische Superhirn bei Velvet Underground wirklich war. Lou Reed jedenfalls nicht. Ausnahmemusiker haben die schlechte Angewohnheit, beweisen zu wollen, dass sie schlichtweg alles draufhaben. Cale macht da an diesem Abend mit seiner jungen Band keine Ausnahme: Er rockt modern das Haus, er lässt die E-Gitarre jaulen, er funkt, er rappt, er macht sogar einen auf Prince. Er darf das. Er ist John Cale.

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KUNST

Piraten

im Herbst

„Ein Piratenstück“ nennt der Maler Hans-Hendrik Grimmling heute den 1. Leipziger Herbstsalon. Vom 15. November bis zum 7. Dezember 1984 hatten Lutz Dammbeck, Günter Firit, Hans-Hendrik Grimmling, Frieder Heinze, Günther Huniat und Olaf Wegewitz eine ganze Etage des Leipziger Messehauses am Markt gemietet, um dort ihre Kunst zu zeigen. Oder besser: Die Künstler hatten ihre Ausstellungsfläche gekapert und weder den allmächtigen DDR-Künstlerverband noch die SED vorher um Erlaubnis gefragt. In der regelwütigen Republik ein unerhörter Vorgang. Das drohende Verbot konnte in letzter Minute abgewendet werden. Und das dreiwöchige Ausstellungs-Happening erlangte schnell Kultstatus, weil sich erstmals in der führenden Kunststadt der DDR gestandene Künstler in die Öffentlichkeit wagten, die ohne Überväter klarkamen. Ein Piratenstück heißt auch das einstündige Radio-Feature von Doris Liebermann, das morgen in der Akademie der Künste aufgeführt wird (28. 9., 18 Uhr, Robert-KochPlatz 10). Zugleich übergibt Grimmling Dokumente von damals an das Akademie-Archiv. Die Berliner Publizistin Liebermann zitiert in ihrem erstmals vor einem Jahr im SWR ausgestrahlten Hörstück aus dem Ausstellungs-Gästebuch und den Stasi-Akten, befragt Augenzeugen und die inzwischen in alle Winde zerstreuten Künstler. Einen 2. Herbstsalon hat es nie gegeben. Michael Zajonz

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