Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

So schön kann

ein Abschied sein

Die härteste Probe einer Beziehung kommt, wenn das Ende feststeht: Schafft man es, die verbleibende Zeit in Harmonie über die Runden zu bringen, oder macht man sich die letzten Monate zur Hölle? Kent Nagano und das Deutsche Symphonie-Orchester haben sich für die erste Möglichkeit entschieden. Mehr noch: Bevor der Maestro nach München wechselt, zeigen sich beide Seiten noch mal, was sie aneinander haben. In seiner Berliner Zeit ist Nagano zum grandiosen Bruckner-Dirigenten gereift: Souverän entfaltet der 53-Jährige die Dimension des Bruckner’schen Satzbaus in der achten Sinfonie, findet traumwandlerisch sicher den Gleichgewichtspfad von Klarheit, vorantreibender Energie und Ausdruckstiefe. Die insistierenden Steigerungen des Kopfsatzes schüchtern nicht ein, sondern sind kraftvolle Weiterungen des sinfonischen Raums. Das zentrale Adagio nimmt Nagano liedhaft schlicht, führt es bis in lichteste Höhen. Dort, im von den Pizzicati der Bratschen und zweiten Geigen markierten Zentrum des Satzes, wird fühlbar, wie Bruckner die Grenzen des Möglichen streift. Die Paarung mit Bernd Alois Zimmermanns letztem, extrem verknapptem Orchesterwerk „Stille und Umkehr“ ist frappierend: Zwei Grenzerfahrungen, die sich trotz aller Unterschiede nebeneinander behaupten können. Und zwei Beispiele für das innige Verständnis zwischen Dirigent und Orchester: Denn auch die Musiker sind in diesen Jahren gewachsen, produzieren einen seelenvollen, makellosen Streicherton, spielen als ein großes, traumschönes Instrument. Fast zu schön für einen Abschied.

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THEATER

So standhaft kann

der Bürger sein

Maulwurf, Wasserratte, Kröte und Dachs gegen den Rest der Welt: Kenneth Grahame (1859–1932) schrieb die Tiergeschichte „Der Wind in den Weiden“ in Fortsetzungen, als Briefe an seinen Sohn, mit deutlich pädagogischer Absicht. Die vier Geschöpfe bestimmen mit großbürgerlichem Gehabe über einen idyllischen Bereich von Fluss und Wiese. Dabei müssen sie sich die massenhaft auftretenden Wiesel, Frettchen und Hermeline vom Hals halten. Als es zum Aufstand der Unterklassigen kommt, wird der fintenreich niedergeschlagen. Moral: Es zählt allein die feste bürgerliche Ordnung. Das muss auch die Kröte erfahren. Kay Wuschek und Moritz Müller machen sie in ihrer radikalen Umformung des 1908 erschienenen Märchens für das Theater an der Parkaue zum Dreh- und Angelpunkt eines ganzen Bündels locker verbundener Begebenheiten (bis 29. September, 10Uhr) . Die vielen Entwürfe möglicher Geschichten gewinnen aber kaum Sinnlichkeit, sie verheddern sich wie das verschachtelte Bühnenbild (Moritz Müller). Kay Wuschek als Regisseur und neuer Leiter des Theaters an der Parkaue besteht in seiner Inszenierung auf dem ganz und gar Menschlichen der Tiergestalten. Er will gesellschaftliches Verhalten trainieren. Die Darsteller mühen sich redlich mit der Textlast der Rollen, zum Liebling der jungen Zuschauer werden sie nicht. Das Haus an der Parkaue steht am Beginn einer neuen Etappe. Christoph Funke

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CHANSON

So süß kann

das Träumen sein

Lisa Berg singt: „Meine Liebe ist bunt wie der bunte Weihnachtsmarkt.“ Sie trägt ein grün-rot-gelb-kariertes Gewand und sieht damit selbst ein wenig weihnachtlich aus. Die Lieder sind warm, schwer und süß wie Glühwein. Man möchte sich in den Ledersesseln des BKA-Theaters zurücklehnen und dem Motto des Abends folgen: „Träum süß!“ Doch daraus wird nichts. Das Chansonteam um Lisa Berg mit David Rousch (Piano, Gesang), Martin Klenk (Cello, Saxophon) und Toni Donadio (Gitarre) spielt nicht nur Walzer und Swing. Eine Restaurantkritik auf Züritüütsch und die Erzählung „Erbsenzähler“ im Stile Django Reinhardts lassen das Publikum lachend aus dem Schlummer hochschrecken. Lisa Berg beschwört Reihenhausidyllen, Sturmfluten, Sagenwelten: „Tag für Tag sang die Loreley, nur montags nicht, da hatte sie frei.“ Dafür singt Lisa Berg heute und Freitag (20 Uhr) noch einmal von der Lore, die sogar den Schweizer Bischof verführt hat. Lea Streisand

KUNST

So schwarz kann

die Sonne sein

Wer in die Sonne blickt, riskiert die Sehkraft. Nur die Sonnenfinsternis, die kurzzeitige Ausblendung durch den Mond, erlaubt das Hinschauen. Die indirekte Wahrnehmung, das Paradoxon, dass sich die Lichtquelle erst durch ihre Abwesenheit zu erkennen gibt, wird für Jakob Mattner zum Sujet. Die Ausstellung „Der Blick in die Sonne“ in der Berlinischen Galerie (Alte Jakobstr. 124–128, bis 30. Oktober) ist das erstaunliche Ergebnis einer geglückten Vermittlung von Kunst und Wissenschaft. Mattners Sonnen sind schwarz und von der Bildwelt der Physik oft kaum noch zu unterscheiden. Kenntnisreich arrangiert er den Dialog zwischen seinen technisch äußerst vielfältigen Werken und den bildlichen Darstellungen aus der Astrophsyik der letzten vier Jahrhunderte, die er in Zusammenarbeit mit den Physikern des Potsdamer Einsteinturms gesammelt hat. Fast schaurig wirken die entdeckten Parallelen. Das vielbeschworene Duett von Kunst und Wissenschaft, so viel wird jedenfalls deutlich, ist keine Zwangsverheiratung diskursversessener Kuratoren, sondern war immer schon da. David Deißner

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MUSEUM

So verwirrend kann

ein Zettelkasten sein

„Kunst – was ist das?“ hieß eine Ausstellung der Hamburger Kunsthalle, die ihr damaliger Direktor Werner Hofmann 1977 eingerichtet hatte. Unter zeittypisch zugespitzten Thesen wie „Kunstwerke sprengen Ordnungen“ oder „Kunstwerke dienen Macht und Besitz“ fahndete der 1928 in Wien geborene Kunsthistoriker nach der gesellschaftlichen Funktion von Kunst. „Was soll es bedeuten?“ könnte auch als Motto über der kleinen Ausstellung „Werner Hofmann. Gegenwelten und Gegenkünste“ stehen, die die Berliner Akademie der Künste nun ihrem langjährigen Mitglied widmet (Pariser Platz 4, bis 5. Februar, Katalog 9,80 €). Sein Lebenswerk als führender Kunstgelehrter seiner Generation und bewundertes Alphatier der Museumsszene darf Hofmann selbst kommentieren. In der Akademie schüttet er den Zettelkasten aus – für Uneingeweihte nur bedingt nachvollziehbar. Klar wird in dem Wust aus Zeitungsausschnitten und Fotos immerhin, dass Hofmann in seinen 21 Jahren an der Hamburger Kunsthalle und davor als Gründungsdirektor des Wiener Museums des 20. Jahrhunderts den Alltag ins Museum holte, ohne etwas vom hohen Anspruch seiner Interpretations- und Inszenierungskunst preiszugeben. Legendär ist sein Hamburger Ausstellungszyklus zur Kunst des 19. Jahrhunderts, den 1980 eine große Goya-Ausstellung krönte. Schon damals bildeten sich lange Schlangen vorm Museum. Michael Zajonz

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KUNST

So verkehrt kann

die Schrift sein

Wenn Künstler aus ganz Europa mit einem Unternehmen wie dem Schulbuchverlag Cornelsen kooperieren, dann ist das Ergebnis zunächst einmal ein Arbeitsprodukt. Die Ausstellung Produkt&Vision in der Kunstfabrik am Flutgraben ist über zwei Etagen angefüllt mit allerlei Tischmodellen aus Pressspan. Der Tisch als Sinnbild der Arbeit im Verlag. Rundum, auf und in den Tischkonstruktionen präsentieren sich 20 künstlerische, teils wissenschaftliche Positionen (Am Flutgraben 3, bis 9.Oktober). Wie lernen Unternehmen, wie lernen Künstler? Die Antwort ist nicht leicht zu bekommen, denn die künstlerischen Beiträge geben sich häufig hermetisch, ja müssen teils noch ausgewertet werden. So verschließen sich die von Mitveranstalter Mari Brellochs mit Cornelsen-Mitarbeitern geführten Gespräche, da die Sätze spiegelverkehrt auf die Wand einer Holzbox projiziert werden. Nur wer das Innere der Box betritt, wo eigene Videos der Mitarbeiter laufen, nähert sich dem Innenleben des Unternehmens. Birgit Rieger

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