Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Schumann,

der Fortschrittliche

Wenn der Tagesspiegel mit der 18. Saisoneröffnung von Spectrum Concerts Berlin seinen 60. Geburtstag feiert, wird der Abend zur gegenseitigen Ehrung. Brückenschläge unternimmt auch das Programm im fast ausverkauften, vor Spannung und Begeisterung vibrierenden Kammermusiksaal . Schumanns Klavierquartett Es-Dur, die romantisch schimmernde Perle in einer erlesenen Kollektion des 20. Jahrhunderts, wird von Janine Jansen, Julian Rachlin, Thomas Carroll und dem unschlagbar souveränen Eric Le Sage so überwältigend schwungvoll, transparent und kommunikativ interpretiert, dass diese Musik an Gegenwärtigkeit nicht zu überbieten ist. Lars Wouters van den Oudenweijer fügt in Aaron Coplands Sextett den frechen, kaltschnäuzigen Großstadtton hinzu, macht mit Emmanuel Pahud auch Elliott Carters Duo „Esprit Rude/Esprit Doux“ zur geistreichen Unterhaltung. Dominiert hier die vorwitzige Klarinette, kann Pahud seine Flötenmelodik der „Second Thoughts“ von Robert Helps anmutig-nachdenklich entfalten. Wenn dann zum Schluss Arnold Schönbergs bahnbrechende Kammersinfonie op. 9, vor 100 Jahren ein Riesenskandal, alle Schrecken der Atonalität einbüßt, sich ganz in klangvolle Virtuosität und packenden Ausdruck auflöst, dann ist auch dieser Dialog zwischen Epochen und Klangwelten, zwischen Spielern und Hörern, hinreißend gelungen.

* * *

ROCK

Genial

geklaut

Wenn Rockmusiker zugleich Spaßvögel sind, geht das selten gut. Bei The Ark aber stimmt die Mischung. Die sechs Schweden liefern im Postbahnhof ein ebenso mitreißendes wie zum Brüllen komisches Konzert. Optisch wirkt die Band wie eine parodistische Ansammlung bekannter Popstar-Modelle: Gitarrist Jepsen sieht aus wie Björn von Abba, sein Kollege Martin Axén könnte bei Guns’n’Roses anheuern. Sänger Ola Salo wirbelt im scharfen Ledermini wie eine Kreuzung aus Liza Minelli und dem jungen Lou Reed herum. Musikalisch klaut die Band ungeniert in den Siebzigern: Von Queen und Bowie über Bay City Rollers bis zu Led Zeppelin reichen die Einflüsse, die sie zu einem ohrwurmigen Bastard-Glamrock verarbeiten. Kein Song ohne dramatische Steigerungen: „Father of a son“, mündet in einem monumentalen „Hallelujah“-Refrain, Ola Salo predigt dem begeisterten Publikum „Let your body decide“, räkelt sich lasziv am Boden und streift zur Ballade schwarze Engelsflügel über. Das Finale mit dem majestätischen „Calleth you, cometh I“ wird als nicht enden wollende Mitsingnummer zelebriert. Salo sieht dabei so glücklich aus, dass einem auch der Wermutstropfen dieses wunderbaren Abends versüßt wird: Diese grandiosen Scharlatane hätten den Jubel ausverkaufter Arenen und nicht nur den von ein paar hundert Erleuchteten verdient. Jörg Wunder

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