Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Gesang

im kalten Keller

„Im Chor mitzusingen, das bedeutete, dass mich jemand gebraucht hat“, erzählt Eva Hermanová . „Uns war doch sonst alles verboten.“ Die Schüler eines Schöneberger Gymnasiums, die der Operndirektorin des Prager Nationaltheaters im Musikclub gegenübersitzen, sind kaum älter als die damals Vierzehnjährige, die 1945 ins Ghetto Theresienstadt kam. Hier sang sie in Hans Krásas Kinderoper „Brundibár“ und in Verdis „Requiem“ mit, in einem feuchten, ungeheizten Keller. Es sind solche Begegnungen mit Zeitzeugen, die die Abende bei musica reanimata unvergesslich machen. Seit 15 Jahren befasst sich der Verein mit der Wiederentdeckung NS-verfolgter Komponisten. Viel ist seitdem gelungen, vor allem mit den Berliner Festwochen, die schon 1987 mit „Musik aus dem Exil“ das Comeback etwa für Berthold Goldschmidt anstießen – damals vom noch wenig bekannten Simon Rattle präsentiert. Letztlich ist die Musik der Prüfstein für alle lobenswerten Bemühungen: Die Pianistin Jaqueline Cole zeigt im Jubiläumskonzert, welche Schätze mit den Sonaten Gideon Kleins und Viktor Ullmanns zu heben sind, wie eine Fuge des 28-jährig verstorbenen Siegmund Schul einen eigenen, dunklen Ton anschlägt und ein Prélude-Fragment des Auschwitz-Überlebenden Szymon Laks von Kreativitätsbrüchen in finsterer Zeit kündet. Weit mehr als bloßes Dokument, haben diese Werke ein Recht auf einen Platz in den Konzertprogrammen.

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KLASSIK

Applaus

zwischen den Sätzen

Um es vorweg zu sagen: Das Publikum im vollbesetzten Auditorium der Philharmonie schlägt sich achtbar. Gewöhnungsbedürftig allerdings die Neigung, zwischen den Sätzen zu applaudieren oder gar in Generalpausen hineinzuklatschen. So geschehen während der „Orgelsymphonie“ – und das erstaunt, wo doch die Junge Philharmonie Venezuela Camille Saint-Saëns’ Dritte Symphonie mit einzigartiger Konzentration und Spielkultur musiziert. Angefangen mit einem wie aus dem Nichts erwachsenden Geigencrescendo, das einem Gewölk erregter Streicher- und Holzbläserfiguren weicht, durchbrochen von einem brillant intonierten Posaunenstrahl: Der „Tag des Zorns“ ist gekommen. Unter dem energisch-agilen Gustavo Dudamel dürfen die Violinen aber auch ins luftige Pianissimo segeln, bevor der 24-jährige Dirigent Orgel und Orchester ins phonstarke Ziel navigiert. Ein Wunder, wie hier Jugendliche aus teils ärmlichen venezolanischen Verhältnissen das klassizistische Idiom treffen, bevor’s – nach der Fünften von Prokofjew und Schostakowitschs „Festlicher Ouvertüre“ – zum Finale lateinamerikanisch wird. Das Fieberthermometer steigt bedrohlich, der Mambo geht ins Blut und in die Hüften. Und Jubel! Redlich verdient. Jens Hinrichsen

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