Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

POP

Hundefleisch und

andere Delikatessen

Die andere Weltmusik: ein ruheloser Dschungelbeat, programmierte Handclaps, krachende Drums und ein ekstatischer Sänger, der gleich beim ersten Song als Abziehbild von Iggy Pop über die Bretter zappelt. „I Wanna Be Your Dog“ klingt dabei besonders skurril, wenn man weiß, dass der Sänger aus einem Land stammt, in dem Hundefleisch als Delikatesse gilt. Kasidit Samniang heißt der Glitterboy aus Thailand, daneben steht Momoko Ueda aus Japan im Minirock an den Keyboards und stößt spitze Schreie aus. Dazu eine zierliche Thailänderin am Bass, die beiden Gitarren fest in britischer Hand – Paul Hampshire von Psychic TV sowie David Coker – und Ex-Suede Simon Gilbert am Schlagzeug. Futon nennt sich die Band aus Bangkok, deren Disco-Punk-Version des Stooges-Klassikers „I Wanna Be Your Dog“ in Thailand auf Platz eins landete. Wer bei ihrem ersten Deutschlandauftritt im Haus der Kulturen der Welt süßlichen Thai-Pop oder eine abgedrehte Exoten-Show erwartet hat, wird mit einer eher konventionellen Vorstellung überrascht: Eighties-inspirierter Glamrock, fast ausschließlich in Englisch gesungen und freimütig von den Vorbildern abgekupfert – David Bowie, Marc Almond, Japan, Duran Duran. Am Ende, als das Publikum begeistert jubelt, lässt die Band verlauten, dass sie keine Zugabe spielen wird, weil es in Bangkok nun mal so Sitte sei. Da sind sie dann doch ein wenig traditionell.

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KLASSIK

Was ich dir sagen will,

sagt mein Klavier

Heute kaum noch zu glauben: Zu ihrem 100. Gründungsjubiläum schenkte sich die Stadtsparkasse Gelsenkirchen 1969 eine Uraufführung von Bernd Alois Zimmermann. Der Komponist ließ sich im örtlichen „Musiktheater im Revier“ von den Wandgemälden inspirieren, die Yves Klein zehn Jahre zuvor geschaffen hatte. Markus Stenz machte dieses „Photoptosis“ genannte Werk zum Herzstück seines Debüts bei den Berliner Philharmonikern – und landete einen beglückenden Publikumserfolg: Klar und durchhörbar entfaltete er die komplexe Partitur, machte es Musikern wie Besuchern gleichermaßen leicht, Zimmermanns Gedanken zu folgen. Klug gewählt waren auch die übrigen Stücke: Wo sich andere Dirigenten Richard Strauss gewünscht hätten, um die Fülle des Philharmoniker-Wohlklangs zu genießen, entschied sich der 40-jährige Kölner Generalmusikdirektor für Franz Schreker. In dessen „Vorspiel zu einem Drama“ von 1913 entdeckte er unter der charmanten Wiener Oberfläche erste Anzeichen für die Implosion der k.u.k-Monarchie. Bei Strawinskys Ballett „Jeu de Cartes“ bot Stenz als souveräner Spielmacher den Solisten die Gelegenheit, alle ihre Trümpfe auszuspielen. Prokofjews 2. Klavierkonzert gehörte ganz dem Virtuosen: Arcadi Volodos spielte es wie Tschaikowsky mit anderen kompositorischen Mitteln – als große Gefühlsaufwallung. Jubel in der Philharmonie . Frederik Hanssen

STADTSANIERUNG

Auferstanden

aus Ruinen

Als nach dem Mauerfall halb Westdeutschland in die DDR fuhr, schwankte das Urteil über ostdeutsche Stadtzentren zwischen Begeisterung und Beklemmung. Zwischen Elbe und Oder hatte sich vieles erhalten, was im Westen längst verschwunden war. Nur in welchem Zustand! 30 Jahre, so schätzten Experten, würde die Sanierung dauern. Inzwischen ist die Hälfte dieses Wegs beschritten. Mit berechtigtem Stolz verweist Manfred Stolpe auf das Aufbauwerk. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Günter de Bruyn eröffnete er im schönen Altbau seines Bundesbauministeriums eine gemeinsam mit dem Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz konzipierte Ausstellung zur Altstadtsanierung im Osten, die in den kommenden Jahren auch im Westen touren soll (Invalidenstraße 44, bis 30. November, Mo, Mi, Fr 15-19 Uhr, Sa,So 10-18 Uhr). Denk!mal: Alte Stadt – Neues Leben stellt rund 100 Städte und Städtchen vor, die seit 1991 vom Förderprogramm „Städtebaulicher Denkmalschutz“ profitierten. 1,49 Milliarden Euro gab der Bund, noch einmal 2,2 Milliarden die Länder und Gemeinden. Davon wurden Straßen neu gepflastert, Häuser renoviert – doch hinter bunten Fassaden lauern oft Leerstand und soziale Probleme. Umsonst war die Anstrengung dennoch nicht: Ostdeutsche Stadtzentren gewinnen gegen den allgemeinen Abwanderungstrend neue Bewohner hinzu. Michael Zajonz

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KLASSIK

Ab jetzt hören alle

auf mein Kommando

Dass sich Manager im Konzertsaal gerne mal in die Rolle des Dirigenten hineinträumen, ist wohl kein Geheimnis. Neu ist hingegen, dass der Dirigent als ideale Führungspersönlichkeit ein Denkmodell ist, das sich eindrucksvoll in der Praxis durchspielen lässt. „Die Kraft des Ensembles – Dirigierpraxis für Manager“, so heißt der Kurs, mit dem der Dirigent Peter Hanke vom Kopenhagener Center for Arts and Leadership genau dies unternimmt. In über 20 Firmen in Skandinavien, England und Slowenien hat er sein Projekt seit 2002 schon erprobt. Am Sonntag stellte er es im Rahmen der Ausstellung „Produkt & Vision“ in der Kunstfabrik am Flutgraben erstmals in Deutschland vor. Zwölf Sänger des RIAS-Kammerchors stellten sich fünf musikalisch nicht vorgebildeten Managern aus Berliner Unternehmen zur Verfügung, die namentlich allerdings nicht genannt werden möchten. Nachdem Hanke die Rollen des Dirigenten als „Silent Leader“ erläutert hat, folgt der praktische Teil. „Ich bin sehr bewegt“, sagt ein Manager und schaut sich Hilfe suchend nach Hanke um. Nur mühsam begreift er, dass die Musiker mit den überirdisch schönen Klänge des Bach-Chorals seine sanften Bewegungen emphatisch aufnehmen. Gleichzeitig ermutigt ihn Kursleiter Hanke, die Harmonien weniger festzuhalten, Bewegung in das grotesk gedehnte Stück zu bringen: „Sie müssen es wagen, Macht abzugeben.“ Carsten Niemann

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