Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Buster Keaton

spielt den Gong

Im 19. Jahrhundert wäre Jörg Widmann als komponierender Virtuose mit selbstgeschriebenen Klarinettenkonzerten durch die Lande gereist. Heutzutage spaltet der doppelt Begabte seine Persönlichkeit auf: Einerseits in die des Interpreten, der Mozarts Meisterwerk für sein Instrument beim Deutschen Symphonie-Orchester spielt, ach was, singt: mit wunderbar menschlichem Ton – und in vollem Wissen um die Strukturen der Partitur. Andererseits wird im gleichen Konzert Widmanns 15-minütiger „Labyrinth“-Spaziergang uraufgeführt, bei dem es zu allerlei Reibungen zwischen 48 Saiteninstrumenten kommt. In der Bildenden Kunst sind jene, die Video und Readymades hinter sich gelassen haben, um wieder gegenständlich in Öl zu malen, längst am Markt durchgesetzt. In der Musik löst diese Renaissance-Bewegung noch hitzige Debatten aus. Bei Widmanns fragilen Klanggespinsten kann man an die Farbspiele des sommerlichen Abendhimmels denken. Viele im Publikum mögen das. Anderen gefällt die putzige Performance von Unsuk Chin besser: Auch ihr „Allegro“ von 1998 ist handwerklich virtuos gemachte Kunst, die allerdings wie Retroschick der Siebziger wirkt. Wenn der Perkussionist Ward Spangler mit Seidentüchern raschelt, Reis auf die Trommel rauschen lässt und Gongs mit dem Metallbesen bearbeitet, führt er seine Clownerien selbstverständlich mit todernstem Buster Keaton-Gesicht aus. In der Begeisterung über Kent Naganos von innen leuchtende Interpretation der Mozartschen Jupiter-Sinfonie wächst dann wieder zusammen, was an diesem Tag der Deutschen Einheit in der Berliner Philharmonie zusammensitzt.

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OPER

Henry Purcell

wird gepfiffen

Gescheiterte Existenzen hausen in dem heruntergekommenen U-Bahnhof. Verkannte Genies allesamt, oder wenigstens Halbgenies. Für die große Solistenkarriere hat es nicht gereicht, jetzt machen sie ihre Musik in Fußgängerunterführungen. Umweht von einer tiefen Melancholie ersehnen sie sich ein anderes Leben, das gar nicht unbedingt besser sein soll, nur eben anders. Durchdrungen von dieser tiefen Sehnsucht erträumen sie sich eine gemeinsame Aufführung von Henry Purcells Fairy Queen . Sie spielen die Barockmusik auf Synthesizer und Akkordeon, Okarina und Trompete und gehen damit unter der Leitung von Jan Czajkowski so rabiat zärtlich um, wie es nur Musiker können, die trotz allem die Musik von Herzen lieben.

Regisseur David Marton nähert seine neun Solisten behutsam einander an und entfernt sie wieder voneinander. So entstehen zerbrechliche Momente größter Zärtlichkeit, gefolgt von origineller Situationskomik. Selbstverständlich scheitern die Straßenmusiker immer wieder mit ihren kleinen Utopien, aber das ist kein Grund für Depressionen. Es wird wenig geredet, es gibt keine konkrete Handlung, und doch rühren die skizzierten Charaktere unmittelbar an. Der Gesang ist sehr ehrlich und mutig, und wenn Yelena Kuljic Purcells Arien zu Jazzstandards variiert oder Duette vorsichtig gepfiffen werden, entstehen in den Sophiensälen überwältigende Augenblicke großer Kunst. Ein hochmusikalischer Abend mit dem Willen zum interesselosen Wohlgefallen. Wundersam beschwingt entlässt Regisseur Marton sein Publikum in den melancholischen Herbstabend (weitere Aufführungen 6. bis 9. Oktober, jeweils 20 Uhr ). Uwe Friedrich

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KUNST

Brancusi grüßt

von fern

Nicht kalt, nicht heiß, nicht schwer, nicht aggressiv: Aluminium sei, so der koreanische Bildhauer Tai-Jung Um , wegen seiner Neutralität das ideale Material. Entdeckt hat er es allerdings erst spät. Sechs Alu-Stahl-Skulpturen aus der jüngsten Produktion des 1938 geborenen Künstlers zeigt das Georg-Kolbe-Museum (Sensburger Allee 25, bis 30. Oktober, Di bis So 10 bis 17 Uhr) zusammen mit drei älteren Arbeiten. Willkommener Anlass sind die Asien-Pazifik-Wochen, die sich in diesem Jahr Korea widmen. Dort gehört Tai-Jung Um zu den bedeutendsten Bildhauern seiner Generation. In Europa und den USA bislang so gut wie unbekannt, bezieht er sich doch auf die klassisch-moderne Skulptur des Westens, auf Brancusi und Chillida. An seinen penibel gefügten geometrischen Großformen perlt jeder narrative Anspruch ab. Erstmals überhaupt zeigt der Bildhauer auch großformatige Tuschezeichnungen. In Korea ist es nicht üblich, den gedanklichen Entstehungsprozess eines Kunstwerkes offen zu legen. Doch in ihrer konstruktiven Klarheit und skripturalen Schärfe sind sie perfekt. Die Kuratorin Annette Tietenberg entdeckte Tai-Jung Ums Werk während eines Arbeitsaufenthaltes in Seoul, wo es auch im Stadtbild präsent ist. Ihre üppig illustrierte Monographie des Bildhauers erscheint in wenigen Wochen (Hatje Cantz Verlag, 39,90 Euro, im Museum 20 Euro). Ost trifft West. Und es funkt. Michael Zajonz

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