Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

ARCHITEKTUR

Baukultur

für alle

Am 4. November 2004 wäre Julius Posener 100 Jahre alt geworden. Es war immer ein Schauspiel, wie dieser Nestor der deutschen Architekturkritik, ein kleiner, zierlicher Mann, seine Zuhörer in Bann schlagen konnte. Sicher wirkte auch die Autorität der Biografie: großbürgerliche Jugend im Berlin der Kaiserzeit, Architekturstudium bei Hans Poelzig, Emigration nach Frankreich und Palästina, Professuren in London, Kuala Lumpur und seit 1961 an der Hochschule der Bildenden Künste in Berlin. Architektur als Thema für viele: „Das Besondere an ihm war wohl: Er schrieb und sprach für jedermann“, erinnert sich Manfred Sack, langjähriger Architekturkritiker der „Zeit“, an Poseners Vermittlungskunst.

Nachzulesen ist das in dem vom Deutschen Werkbund Berlin herausgegebenen Buch „Julius Posener. Werk und Wirkung“ (Regioverlag Berlin 2005, 12 €). Der handliche Band versammelt sehr persönliche Beiträge, die Weggefährten und Nachgeborene im vergangenen November bei einem Geburtstagskolloquium in der Akademie der Künste vortrugen. Nun wurde das Buch am Hanseatenweg vorgestellt. Wolfgang Pehnt, auch er ein wortmächtiger Verteidiger der Baukultur, fragte sich, wofür der Mann, dem Berlin die Erhaltung etlicher Baudenkmäler verdankt, heute streiten würde. Für die vom Abriss bedrohten Kirchen der Nachkriegsmoderne? Julius Posener starb 1996. Sein Lebensmotto: „Man muss Stellung nehmen.“

* * *

POP

Wie laut

ist leise?

Besonders leise sind sie eigentlich nicht. Das Londoner Duo Turin Brakes galt vor fünf Jahren als Mitbegründer einer neuen Pop-Besinnlichkeit, deren Motto „Quiet is the new Loud“ ihre meist akustisch erzeugte Musik auf den Begriff brachte. Im Konzert sitzen Ollie Knights, Gale Paridjanian und ihre drei Begleiter an Schlagzeug, Bass und Keyboards ganz folkiemäßig auf Hockern, was die Sichtverhältnisse in der nur zur Hälfte gefüllten Kalkscheune erheblich verschlechtert. Die Rollen sind bei den Turin Brakes klar verteilt: Knights ist der Schönling im Rampenlicht, während der unauffällige Paridjanian mit feinem Gitarrenspiel die musikalischen Akzente setzt. Den charakteristischen Sound der Band bestimmt Knights’ emphatischer Gesang, dessen gedehnte Vokale nur knapp an Coldplay- Manierismen vorbeischrammen. Der latenten Gleichförmigkeit ihrer luftig-sommerlichen Songs begegnen die Turin Brakes mit mutigen Variationen: Das wunderbare „They Can’t Buy The Sunshine“ spielen sie mit rustikalem Country-Einschlag, ihre Indie-Hymne „Pain Killer (Summer Rain)“ bekommt ein komplexes Progrock-Intro, den frühen Hit „Emergency 72“ beschleunigen sie zu einer intensiven Uptempo-Version. So gerät der anfangs etwas verhaltene Auftritt doch noch zu einem prima Konzert. Nach knapp zwei Stunden kann aber auch der enthusiastische Beifall die Band nicht zu einer dritten Zugabe bewegen. Jörg Wunder

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