Kultur : KURZ & KRITISCH

Katrin Wittneven

KUNST

Patchwork-

Idyllen

Seit drei Jahren lässt der Neue Berliner Kunstverein im Herbst einen Kunstkritiker an den Programmschalthebel. Nach den Berlinern Knut Ebeling und Nicola Kuhn wurde diesmal mit Ulf Erdmann Ziegler ein Frankfurter eingeladen. Die fotografische Familie heißt die von ihm zusammengestellte Gruppenausstellung (Chausseestr. 128/129, bis 16. Oktober). Klassische Familienporträts sucht man allerdings vergebens. Ziegler wählt Künstler, die eher assoziativ der „Anwesenheit des Mediums in der Familie und der Gegenwart der Familie im Medium“ nachspüren. Wie Peter Hendricks, der Aufnahmen zu Tableaus arrangiert: Familienidylle im Garten, Bierseligkeit beim Schützenfest oder zerstörte Häuser im Kosovo. Auch Jenö Gindl cineastisch anmutende Kontaktprints auf Papier deuten ihre Geschichten nur an. Ein Mann und eine Frau sitzen voneinander abgewandt im Auto, daneben Mädchen, die im Meer tollen. Doch leicht wirkt hier nichts; eher erinnern die Aufnahmen an Sequenzen aus einem düsteren Traum – würde man in Schwarzweiß träumen. Knallig bunt provozieren dagegen die Leuchtkästen aus der Reihe „Verspielt“ von Reinhard Matz: Regenbogenpferdchen, Superhelden und Plüschtiere stehen für den alltäglichen Overkill im Kinderzimmer. Eine Fotoserie der Neuseeländerin Anne Noble schließlich zeigt auf riesigen Inkjetprints den Mund ihrer Tochter, der durch Kaugummiblasen und Badeschaum abstrahiert wird. Daneben ist die Präsentationsform der Ausstellung bemerkenswert: Von Bild zu Bild spinnen sich feine Fäden und bilden heraus, was im besten Sinne eine Patchworkfamilie sein kann.

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MUSIK

Goldene

Gongs

Als Claude Debussy zum ersten Mal Gamelan-Musik hörte, traf sie ihn wie ein Schock: „Hört man den Zauber ihres Schlagwerks, so kann man nicht umhin festzustellen, dass das unsere nichts als barbarischer Zirkuslärm ist.“ Ganz so streng muss man es nicht sehen, um sich für die ratternde Perkussionsmusik aus Indonesien zu begeistern, die so reichhaltig Einfluss auf die moderne Musik genommen hat. Weniger bekannt ist dagegen, dass es sich um eine höchst lebendige Musikform handelt, die sich aber immer weiterentwickelt hat. Um den ganzen Spannungsbogen aktueller Gamelan-Musik zu zeigen, hat das Haus der Kulturen der Welt in zweijähriger Vorbereitung mit Dieter Mack das erste Gamelan-Festival mit zeitgenössischer Musik organisiert, das außerhalb Indonesiens stattfindet und an vier Abenden Orchester aus Bali, Java und Sumatra präsentiert. Beim Ensemble Kyai Fatahillah aus der Universitätsstadt Bandung in West-Java ist schon der Bühnenaufbau ein Ereignis: Wie mächtige Bratpfannen baumeln große Gongs über der Bühne, dazu zahlreiche Buckelgongs, Metallophone, Xylophone, eine Zither, Bambusflöten, Spießfiedeln und Fasstrommeln. In entspannter Konzentration präsentieren die zwölf Musiker eine Musik voll innerer Spannung und oft atemberaubender Dichte, die den langen Atem von Edgar Varese trägt und eine wesentliche Eigenheit der indonesischen Musik dokumentiert: polyphon geschichtete Rhythmen und vielfältige Klangmuster, deren Verzahnung die Musik in einen Schwebezustand versetzen, der sie endlos erscheinen lässt. Da sind das vertrackte „Game-Land“ von Altmeister Slamet A. Sjukur, traditionelle Puppenspielmusik sowie mehrere Stücke vom Gamelan-Erneuerer Iwan Gunawan, der auch vor dem Einsatz eines Laptops nicht zurückschreckt. Dabei scheint jeder der Musiker tief in sich hineinzulauschen und die innere Musik dann wieder so zu entlassen, dass das Klappern der Gongs am Ende fast so etwas wie einen Hauch Glückseligkeit hinterlässt, weit entfernt von jeder oberflächlichen New-Age-Meditation. (weitere Aufführungen am Samstag und Sonntag, 20 Uhr) Volker Lüke

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