Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

OPER

Gesang

der Sonnenblumen

Vermutlich war es eine diplomatische Entscheidung, den 40. Jahrestag der Aufnahme deutsch-israelischer Beziehungen ausgerechnet mit einer Festaufführung des Liebestranks zu begehen. Donizettis biedermeierlich-pastorales Melodram ist der unverfänglichste Stoff, den man sich denken kann – und mit seinem melodischen Reiz nationenübergreifend konsensfähig. Die für zwei Abende an die Deutsche Oper geholte Produktion der New Israeli Opera demonstriert denn auch vor allem, dass der Opernalltag in Tel Aviv nicht viel anders aussieht als in Berlin. Die Inszenierung von Omar Nitzan ist aus dem Stoff, den jedes Publikum liebt: Liebevoll erzählt, verlagert sie die melancholiegetränkte Liebesgeschichte von Nemorino und Adina in die leuchtenden Sonnenblumenfelder eines Kibbuz, der Quacksalber Dulcamara fährt im schnittigen Fünfziger-Jahre-Schlitten vor. In Israel ist die mittlerweile acht Jahre alte Produktion ein Renner, und auch an der Deutschen Oper ist das Publikum schnell gewonnen. Schade, dass nicht gründlicher geprobt wurde: Chefdirigent Asher Fish überrascht mit seinen mal verschleppten, mal verhetzten Tempi regelmäßig alle Beteiligten und bringt Chor und Sänger in Bedrängnis. Ira Bertmans kerngesunde Adina und der Rumäne Marius Brenciu als hinreißender Nemorino mit spektakulärem Tenorschmelz bringen den Abend trotzdem zum glücklichen Ende. Stünde nicht haufenweise Polizei vor der Tür, könnte man glauben, in einer ganz normalen Berliner Repertoirevorstellung zu sitzen.

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LITERATUR

Verse auf

Passanten

„Das ist Kunst im öffentlichen Raum“, erklärt ein Vater. Die Kinder starren auf die Leinwand im Forum des Sony Center s am Potsdamer Platz: „Sind gelbe Nanu Nana Tüten erlaubt bei Nonnen?“ fragt Uwe Kolbe, und Ulrike Draesner bemerkt: „Die Grünabstimmung ihrer Kleidung gibt zu denken.“ Tom Schulz beobachtet: „Ein Ehepaar streitet sich, wer den Rucksack tragen darf“, und Monika Rinck hat eine Schreibblockade: „Ich glaub’s ja nicht, das ist kein Dichten nicht!“ Die Passanten schauen sich suchend um, denn „sie werden verdichtet“. Die Literaturwerkstatt hat das Konzept „react – Literatur im Alltag“ nach Berlin geholt. Jeder Autor sitzt vor einem der vier miteinander vernetzten Computer im Innenhof des Sony Centers. Nach dem Prinzip: Produktion gleich Publikation gleich Rezeption wird das Geschriebene sofort auf die Leinwand projiziert. Die Verdichteten können per SMS eingreifen: „Kolbe, ich weiß, wo du bist!“, hat ein Unbekannter geschrieben. Es klingt wie eine Drohung. Ob die Texte, die an diesem Samstagnachmittag entstanden sind, in ihr Werk Einzug nehmen, werden die Autoren später gefragt. „Nein“, sagt Ulrike Draesner, „das war zu viel Realität für Lyrik“. Uwe Kolbe hatte gar keinen dichterischen Anspruch, und für Tom Schulz war die Aktion nur eine Fingerübung: „Realität ist Inspiration, nicht Vorlage.“ Kunstproduktion ist eben doch eine Privatangelegenheit. Lea Streisand

OPER

Blumen

des Liebhabers

Hartnäckig Liebende werden irgendwann erhört. Sie sind in ihrer stillen Unbeirrbarkeit die gefeierten Helden in Romanen wie Opern. Nikolaus Harnoncourt ist so ein Ritter. Seit Jahren wirbt er um Schuberts Opernschaffen, will diesen verschmähten Werken den Platz in der Welt erobern, der ihnen in seinen Augen zukommt. Im Rahmen seines Schubert-Zyklus mit den Berliner Philharmonikern verrichtet er seinen Liebesdienst nun an Alfonso und Estrella , der einzigen Oper Schuberts, die neben „Fierrabras“ je zu zaghaftem Bühnenleben erwachte. Eine romantische Oper, die Schubert und sein Freund Franz von Schober wie im Rausch erschufen, um dann von allen Theatern abgewiesen zu werden. Erst Liszt führte sie auf, aus Ehrerbietung – und gekürzt. Harnoncourt spielt jeden Ton, ganz ohne Eile rollt er die Chöre auf (sehr einfühlsam: der Rundfunkchor Berlin), lässt die herrlich idyllischen Holzbläser blühen. Er hat sich einer trefflich besetzten Solistenschar versichert, allen voran Christian Gerhaher, Dorothea Röschmann und Kurt Streit. Und doch will sich das von Harnoncourt beschworene unglaublich Psychologische, Zukünftige in der Philharmonie nicht ereignen. „Alfonso und Estrella“ bleibt ein fast töricht naives Spiel auf der Grasnabe. Ein sehr fernes Märchen, das selbst den großen Musikvergegenwärtiger Harnoncourt in die Schranken weist. Mit zartem Trotz legt er am Ende des langen Abends seine Blumen in die aufgeschlagene Partitur. Wie einen Strauß für eine entschwundene Geliebte. Ulrich Amling

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KUNST

Tür

zum Glauben

Sie waren zum Anklopfen da, jetzt kann man sie nur noch anschauen: die eisernen Türklopfer in den Vitrinen des Indischen Museums . Zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert waren sie an den rotlackierten Türen tibetanischer Klöster angebracht. Verziert mit Tieren und Fabelwesen, womit die Mönche ihren guten Draht zu lokalen Geistern bezeugten, gibt es Klopfringe und Türscharniere, aber auch Holz-, Leder- und Seidenarbeiten. Unbekanntes Tibet breitet seltene Stücke aus der Sammlung des Potsdamer Kunsthändlers Friedrich Spuhler aus (Lansstraße 8, bis 29.1., Di-Fr 10-18. Sa+So 11-18 Uhr). Flankiert wird der Raum von zwei auf Seide gemalten buddhistischen Heiligen: Padmasambhara, der den Buddhismus aus Indien brachte – und Buddha. Um den „Erleuchteten“ sind dramatisch-bewegte Szenen seines Lebens zu sehen. An Buddhas Inkarnation als Hasen – einem Märchen zufolge soll er für einen hungrigen Bettler ins Herdfeuer gesprungen sein – erinnert eine aus rotbraunem Leder gefertigte Truhe. Texttafeln liefern Wissenswertes über die buddhistische Tradition in Tibet. Allerdings lässt sich diese Fülle allgemeiner Information kaum mit den Objekten zusammenbringen, deren Beschilderung zu wünschen übrig lässt. Die genaue Herkunft, Funktion und stilistische Eigenart bleibt im Dunkeln. Fazit: Anklopfen erlaubt, Eintritt erschwert. Jens Hinrichsen

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