Kultur : KURZ & KRITISCH

Thomas Lackmann

GESCHICHTE

Tribunal

der Gerechtigkeit

Wie siegt die Gerechtigkeit? Man nehme 335000 Meter Kabel, 10000 Glühbirnen sowie 16000 Pfund Kalk und Leim und rüste den Nürnberger Justizpalast um zum Tribunal der Weltgeschichte. Man postiere vor jeder Einzelzelle der 24 Angeklagten einen alliierten Militärpolizisten, rund um die Uhr. Man konfrontiere hohe Politiker, Beamte und Militärs des „Dritten Reiches“ mit den Taten ihres Regimes und biete ihnen schützende Sonnenbrillen an, gegen die grellen Scheinwerfer des anwesenden Filmteams. Die Ausstellung Der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess (tgl. bis 18 Uhr) am Bauzaun der Topographie des Terrors skizziert mit Fotos und Text-Dokumenten das Verfahren, dessen Eröffnung am 18. Oktober 1945 im Berlin-Schöneberger Kammergerichtssaal stattgefunden hatte, einem ehemaligen Verhandlungsort des NS-Volksgerichtshofs; der Prozess wurde in Nürnberg fortgesetzt. Die Info-Strecke am Bauzaun zeigt Porträts und Biographien der Richter, Statuten des Gerichtshofs und Lokalitäten. Am Ende steht eine Tabelle zu den zwölf Nürnberger Folgeprozessen, ihren milden Urteilen und vorzeitigen Haftentlassungen – und ein Foto des Menschengerichtshofs in Den Haag, der ohne das Vorbild von Nürnberg kaum entstanden wäre.

Doch nicht die Idee der Gerechtigkeit oder der Horror eines Menschheitsverbrechens bleibt von dieser Erzählung zuletzt vor dem Auge des Betrachters. Eingeprägt haben sich die Bilder der Angeklagten: einzeln portraitiert als schmucke Karrieristen in ihren besten Jahren; im Gruppenbild als verkniffene Häftlinge mit Kopfhörern, auf der Angeklagtenbank. Auf Knopfdruck begleiten ihre schnarrenden Original-Töne aus dem Gerichtssaal („Nicht schuldig!“) das ferne, aktuelle Bauzaun-Theater um Verbrechen und Verantwortung.

FOTOGRAFIE

Metamorphosen

der Macht

„Indem ich die politische Rolle mehr annehme, verändere ich mich als Privatmensch. Ich bin nicht mehr so, wie ich war“. Diese Worte von Angela Merkel – formuliert 1997 im Gespräch mit der Fotokünstlerin Herlinde Koelbl – sind heute so aktuell wie nie. Über sieben Jahre lang hatte Koelbl zwischen 1991 und 1999 Politiker porträtiert und interviewt, um die „Spuren der Macht“ in ihren Gesichtern und Seelen zu dokumentieren. Darunter Gerhard Schröder, Angela Merkel und Joschka Fischer. Mit den Videoinstallationen Wille, Macht und Wandel (bis 11. 11. im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Deutschen Bundestages, Di-So, 13-19 Uhr) und Goldmund (bis 6. 11. ,C/O Berlin, Linienstraße 144, Mi-So, 11-19 Uhr) hat sie ihre Arbeit jetzt ergänzt.

In „Goldmund“ sprechen Menschen von der Straße über Geld – eine eher zeitlose Arbeit. Doch mit der Veröffentlichung bisher unverarbeiteter Interviewsequenzen mit Schröder, Merkel & Co. in „Wille, Macht und Wandel“ hat Herlinde Koelbl buchstäblich ins Schwarze getroffen: Die Verwandlung Merkels auf dem Weg zum Kanzleramt – ob physisch oder psychisch – war ständiges Thema im Wahlkampf: Was hat sie an? Wie sitzten die Haare? Ist sie hart genug für den Kanzlerjob? Jetzt steht Angela Merkel kurz vor dem Ziel und Herlinde Koelbl hat zufällig pünktlich zum Show-Down nach den Neuwahlen noch einmal ihr Material durchstöbert und verarbeitete Filmausschnitte der alten Interviews zu Videoinstallationen. Auf den Leinwänden erzählen Schröder, Merkel und andere davon, was das Politikerdasein aus ihnen gemacht hat, und von ihren Zukunftsvisionen. „Ich möchte irgendwann den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Politik finden. Dann will ich kein halbtotes Wrack sein“, sagt Merkel da. Das ist sieben Jahre her. Dagny Lüdemann

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