Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Funke

THEATER

Gut sein kann

böse enden

Alan Ayckbourns alter Mann im Weihnachtsmannkostüm ist gut, lieb, reich – um das sehr junge, naive Mädchen, das ihm nach einem kleinen Unfall die Londoner Wohnung öffnet, kann einem bange werden. Tatsächlich geht die Geschichte mit dem zwielichtigen Onkel und dessen einäugigem Freundfeind für Sasha, die Lebenshungrige vom Lande, noch halbwegs gut aus. „Sugar Daddys“ , wie das erstmals auf Deutsch im Theater am Kurfürstendamm (bis 20. November) aufgeführte Stück weiterhin mit dem Originaltitel heißt, geht dem Hang des Menschen nach, „sich ständig neu erfinden zu wollen“. Der Schwerenöter will der große Gönner sein, aber die liebreizende Unschuld stachelt nicht nur seine erotische Begehrlichkeit ungebührlich an.

Es ist ein rührend kleines Abenteuer, das der englische Dramatiker in seinem nunmehr 64. Stück erzählt, eine mäßig gescheite Wirrnis um Schein und Sein. Jürgen Wölffer hat es für Wolfgang Spier inszeniert, der sich die Rolle des Weihnachtsonkels zum 85. Geburtstag gewünscht hat. Spier verleiht dem Alten Wärme und Charme, zeigt einen Menschen, dem mit dem Gutsein nicht ganz wohl ist. Greta Galisch de Palma gelingt als Sasha das Verführerische der Unschuld, sie zeigt die Wandlung des quirligen Mädchens zur jungen Frau mit erwachendem Selbstbewusstsein. Anja Wegener baute eine Bühne, die nach der Pause mit hintergründiger Ironie einen DesignSchock (rote Rosen auf tiefschwarzem Grund) serviert. Mit dabei sind Ute Willing, Rolf Wolter und Gaby Gasser – in einer Inszenierung, die eher der Anmut des Stücks vertraut als seinen versteckten Bosheiten.

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POP

Die Beatles?

Die Punkles!

Abertausende Beatles Revival Bands gibt es weltweit, mit Beatles-Darstellern, die das Repertoire der Fab Four nachspielen – so originalgetreu wie möglich. Ein noch bizarreres Konzept präsentiert die Beatles Trash Night im Frannz. Zwei Nachspielbands, die Beatles-Songs nicht kopieren, sondern ein Beatles-Programm so präsentieren, wie es wiederum eine andere Band täte – wenn sie es denn täte. Die Punkles aus Hamburg spielen Beatles im Stil der Ramones: One-two-threefour–Daytripper. One-two-three-fourHelp. One-two-three- four-Roll Over Beethoven. Das ist Chuck Berry, wie die Ramones ihn womöglich nachgespielt hätten, wenn sie ihn so wie die Beatles gespielt hätten. Klingt kompliziert als Theorie, jedoch unkompliziert als Musik. Einfach und direkt. Jeder Song in einem Affenzahn in anderthalb Minuten runtergebrettert. Lustige Punkles in schwarzen Mobtop-Perücken.

Beatallica kommen aus den USA und sehen aus wie finstere Biker: Totenköpfe und Tattoos, Rockerkutten und Sonnenbrillen. Schwarze Armbinden, Flaschenbier und lange, dünne Haare, die sie mächtig schleudern und wehen lassen im Schalldruck der Marshalltürme.

„Back In The USSR“ wird zu „Blackend The USSR“. Beatallica verkalauern die Originale zu Heavy-Metal-Späßchen, verrattern die Melodien zu Schwermetall. Wie wenn Metallica Beatles-Songs spielen würden – als Muppets-Show. Fröhliche Jungs. Aber auf die Dauer doch ein bisschen anstrengend. H.P. Daniels

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KUNSTHERBST

Katharina Witt?

Catherine David!

Berlin wäre oft gerne mehr als es ist, mehr Metropole mit mehr Glamour. In Sachen Kunst ist die Hauptstadt allerdings längst unzweifelhaft ein Standort von Weltrang. Und der documenta-Schauplatz Kassel, dieser unwahrscheinlichste aller Standorte, ist schon lange ein globaler Brennpunkt der modernen Kunst. Am Freitag Abend wurde in der C/O Galerie Berlin nun beides nicht ohne Glamour gefeiert: der Ausklang des diesjährigen Berliner Kunstherbstes und das Jubiläumsjahr der documenta. Klaus Siebenhaar, Direktor des FU-Instituts für Kultur- und Medienmanagement, schwärmte vom „goldenen Kunstherbst“, der nicht nur als Marketingplattform fungiere, sondern etwa mit „Fraktale IV“ im Palast der Republik diesmal auch eigene Ausstellungen präsentierte.

Über die 50-jährige documenta-Geschichte diskutierten Heiner Georgsdorf (Schüler des documenta-Gründers Arnold Bode und später selbst Professor in Kassel) sowie Bernhard Schulz vom Tagesspiegel und Dirk Schwarze („Hessische/Niedersächsische Allgemeine“), dessen Buch „Meilensteine: 50 Jahre documenta“ die Geschichte der Weltkunstschau Revue passieren lässt (Bostelmann & SiebenhaarVerlag, Berlin 2005, 17,80 €). Georgsdorf wendet sich gegen die Vorstellung von der documenta als einer „Waffe im Kalten Krieg“ und betont Bodes visionäres Engagement. Trotz einer Historie der Brüche und Skandale war jedes Mal ein neuer Besucherrekord zu verzeichnen. Ein Selbstläufer, so Schwarze – dennoch drohe keine Erstarrung. Als 1997 die umstrittene Catherine David berufen wurde, glaubte Georgsdorf, sich verhört zu haben: „Wer, Katharina Witt?“ In Kassel ist halt alles möglich. David Deißner

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