Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Funke

THEATER

Das Lachen

des Neinsagers

Die neue Mannschaft des Theaters an der Parkaue stürmt von Premiere zu Premiere. Nun hat Hartmut Wickert Bertolt Brechts „Leben des Galilei“ inszeniert. Selbstbewusster kann man es nicht angehen. Doch die jungen Theatermacher an der Parkaue wollen für ihre Zuschauer an der Schwelle zum Erwachsensein kein Meisterwerk mit ästhetischer Raffinesse zelebrieren und kein naturwissenschaftliches Kolleg lesen. Die Geschichte vom Forscher, der von der Lust am Entdecken gepackt ist, Mut zum Nein hat und zugleich den sinnlichen Genüssen zugetan ist, soll verständlich werden (wieder 18.–20. Oktober, 19 Uhr). Helmut Geffke zeigt einen freundlich-listigen, erst allmählich trotzigeren Galilei – der Forscher soll nahe, erreichbar bleiben. Auch bildlich beginnt die Aufführung im Bühnenbild von Elissa Bier sehr bescheiden, vor einer Wand aus Papier, und erst, wenn Galilei aus dem Studierzimmer im schützenden Padua herausgeht, öffnet sich die Bühne zu einem Scheibe wie Kugel andeutenden Podest auf der Drehbühne. Die Welt ist in Bewegung, aber sie ist unsicher – Regisseur Wickert lässt nun Leidenschaft zu, sogar Aggressivität, und er baut große Bilder. Zuletzt sitzt der Gelehrte im Leeren, einsam auf einem Stuhl. Er holt sich die Tochter, und im Gelächter der beiden endet das Spiel. Ein Versuch, was sonst.

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KLASSIK

Das Jubeln

des Predigers

Ein kecker Seraphin hat sich in die Französische Friedrichstadtkirche verirrt: Er jubelt dem Hörer aus der Höhe des Kreuzgewölbes zu, um ihm danach in so dichtem Vorbeiflug ins Ohr zu flüstern, dass man den Zugwind der Flügel zu spüren meint. Für die faszinierenden Raumeffekte ist wohl doch nur die einmalige Akustik des Gotteshauses verantwortlich. Die Engelsstimmen sind ziemlich echt, sie gehören den Gesangssolisten des Niederländischen Bachvereins. Der ist mit seinen Aufführungen der Matthäuspassion seit 1922 Rückgrat der Alte-Musik-Szene in den Niederlanden. Unter seinem Leiter Jos van Veldhoven wird die Profitruppe neuerdings auch international als herausragendes Ensemble wahrgenommen. Barock ist die Muttersprache dieser Musiker.

Sie überraschen bei diesem Höhepunkt der Berliner Tage für Alte Musik zunächst damit, dass ihr Landsmann Jan Pieterszoon Sweelinck höchst plastische Vokalwerke schrieb. In der Vertonung von Psalm 150 werden Trommeln, Posaunen und Zimbeln mit farbigen Konsonanten und schallenden Vokalen lustvoll nachgeahmt. Plastizität der Schilderung mit meditativer Suggestionskraft verbinden die Sänger dann in Dietrich Buxtehudes Kantatenzyklus „Membra Jesu Nostri“. Bei der Beschreibung von Jesu Brust aber saugen die Solisten derart flehentlich an der Töne Muttermilch, dass das Stück mit seiner gewagten Metaphorik erst recht zur hinreißend lebendigen Predigt wird: stehende Ovationen! Carsten Niemann

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ELEKTROPOP

Das Flimmern

der Klang-Magier

Auch Ambient kann große Musik sein. Das zeigt ein Auftritt des in Berlin lebenden Künstlers und Minimal-Elektronikers Alva Noto alias Carsten Nicolai, der sich mit dem einstigen Mitbegründer des „Yellow Magic Orchestra“ und Oskarpreisträger Ryuichi Sakamoto zusammengetan hat. Ihr Debütalbum „Vrioon“ wurde vom britischen Fachmagazin „Wire“ zum besten Elektro-Album des Jahres gekürt, und mit dem Nachfolger „Insen“ treten sie jetzt erstmals gemeinsam auf, ein Ereignis, das die Volksbühne bis auf den letzten Platz füllte. Dabei eignet sich diese Musik eher zum Hören als zum Sehen. Sakamoto spielt hingetupfte Pianoakkorde im Stil von Erik Satie oder Morton Feldmann, fragile Klänge mit viel Echo und zum Ausdruck grandioser Ruhe erhoben. Aber keine Angst, da wird nichts banal oder übermäßig kitschig. Dafür sorgt schon Carsten Nicolai, der dem impressionistischen Weichzeichner von seiner Laptop-Kanzel kühle Elektrosounds entgegensetzt: minimale Beats und Klicks, perkussives Knistern, tiefes Brummen der Sinuskurven – die Klänge zerfallen und kommen dann wieder sehr nahe. Stimmungsvoll unterlegt mit einer Videoinstallation, die die Töne in eine großartige Flimmergrafik umsetzt, um vielleicht doch die Distanz zum Publikum aufzuheben. Bis alles auf den alten Wolf-im-Schafspelz-Trick hinausläuft und die beiden nach einer knappen Stunde den Auftritt mit einem Minimal-Stück beenden, bei dem Sakamoto zu sägender Elektronik ausdauernde Ostinatomuster aus den Tasten hämmert. Da kommt Freude auf! Volker Lüke

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