Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Kontrollierte

Offensive

Mit klarem Vorsprung ist die Staatska pelle Berlin im „Opernwelt“-Wettstreit zum zweiten Mal in Folge zum Orchester des Jahres gewählt worden. Die Phalanx prominenter musikalischer Leiter, unter ihnen Pierre Boulez, der Dirigent des Jahres, wird von zwei künstlerisch konträren Köpfen angeführt: dem Chefdirigenten Daniel Barenboim und Michael Gielen als Principal Guest Conductor. Steht der eine für romantisches Fühlen, so der andere für den dienenden Intellekt. Die Einordnung ist durchlässig, weil den beiden Musikern große Momente der Inspiration gegeben sind. Das Orchester aber blüht unter dem Kontrast. So erweist die Staatskapelle Michael Gielen in der Phil harmonie ihre Zuneigung, dem Maestro der Kontrolle. Mit ihm verbindet sie aktuell die Verdi-Interpretation der „Forza“ Unter den Linden. Bevor es zu dem Triumph mit der Beethovensinfonie kommt, gehen die „Taras Bulba“-Rhapsodie von Janácek, der Gielen ihr patriotisches Pathos nur halbherzig einräumt, sowie eine Europa-Premiere aus Amerika vorüber: Melinda Wagners Klavierkonzert „Extremity of Sky“, von Emanuel Ax bravourös geperlt, heftet sich an den 11. September 2001. Musik von greller Einfachheit, mit süßlichem Lamento dabei. Apollinischen Schwung gibt Gielen dem Finale der Siebenten Beethovens. Nichts Rauschhaftes. Die Energie des Rhythmus lebt in einem Fest der Präzision. Und was beherrscht bei solcher Durchsichtigkeit den zweiten Satz? Eine entdeckungsreiche Schönheit der kontrapunktischen Arbeit.

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STADTGESCHICHTE

Die Wüste

gähnt

Die Diskussion über eine Schloss-Rekonstruktion ist abgeebbt. Da lenkt der Historiker Wolfgang Ribbe den Blick auf das, was die Bedeutung des Schlosses überhaupt erst ausgemacht hat: seine Rolle im politischen und symbolischen Gefüge der Stadt. Der Sammelband „Schloss und Schlossbezirk in der Mitte Berlins“ beginnt mit der Zeit der Hohenzollern-Residenz, als das Schloss den Mittelpunkt von Staat und (höfischer) Gesellschaft bildete, untersucht dessen schleichenden Funktionsverlust im 19. Jahrhundert und schließt mit Weimarer Republik und Nazi-Zeit, als das Schloss nurmehr als Museum diente (Publikationen der Historischen Kommission zu Berlin, Berliner Wissenschaftsverlag, 29 €) . Und heute? „Wir sehen eine Stadtwüste, die belebt werden muss“, schreibt der Stadthistoriker Laurenz Demps. Das ist seit 15 Jahren eine ungelöste Aufgabe. Der Sammelband hilft, ihre ganze Dimension überhaupt erst zu verstehen. Bernhard Schulz

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