Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Spirale der

Geschichte

Ein nachträgliches Geburtstagskonzert: Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker wollten Pierre Boulez , diesen Giganten der modernen Musik, jetzt auch noch zu seinem 80. im März ehren. Da kann das Geschenk gar nicht groß genug ausfallen. Der Aufwand, Boulez’ Werk „Répons“ aufzuführen, ist gewaltig. Computerblöcke aus seinem Pariser Forschungslabor Ircam wurden in den Kammermusiksaal gewuchtet, der ganze Saal verdrahtet und ein Podium für Pianisten eingebaut. Schließlich wird das Publikum vor dem zweiten Durchlauf von „Répons“ neu platziert, um eine andere Hörperspektive zu gewinnen, Boulez selbst führt die Klangregie. Endlich darf der Kammermusiksaal, der oft nur in Block A voll durchblutet ist, zeigen, was in ihm steckt. Hier können Klänge wandern, terrassenartig emporwachsen, hier gibt es keine unsichtbare Wand zwischen den Zuhörern und der Musik. Spürbare Euphorie für den stillen Helden des Abends.

„Répons“ lebt ganz von Boulez’ Vorstellung von der Musik als einer Spirale, ohne Anfang, ohne Ende – und letztlich ohne Geschichte. Die sei eine große Last, man müsse sie ein für allemal los werden, fordert der Jubilar. Und so werfen seine Programmierer arithmetisch mutierte Klänge zurück in den Saal, deren Keim irgendwann einmal von den Musikern live gespielt wurde. Das Pingpong mit dem Computer ist spürbar nicht die musikalische Welt, von der Rattle träumt. Und so sucht er mit einer leidenschaftlich-vehementen Interpretation des Orchesterparts aus der Spirale auszubrechen. Doch der Sog ist zu groß. Das Reich der musikalischen Schatten triumphiert.

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