Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Gesang wie aus

einem Mund

Das Mittelalter ist unter uns: Gauklerfeste und Mittelaltermärkte boomen, in Internetforen erfährt man von der Wamsschneiderei bis zum korrekten Ritterhaarschnitt alles über die Trends des Modeherbsts 1200. Nur in der Klassikszene, welche die Vergangenheit doch beständig vor Augen haben muss, spielt das Thema – von den Bemühungen einiger Spezialensembles abgesehen – eine untergeordnete Rolle. Dabei lohnt es, sich dem Mittelalter auszusetzen. Dass diese Begegnung auf Augenhöhe stattfinden kann und keinesfalls notwendig ist, bewies der RIAS-Kammerchor unter dem Gastdirigenten Timo Nuoranne im Kammermusiksaal der Philharmonie.

Kein gnädiger Hall, keine pittoresken gotischen Bögen umhüllten die nackte einstimmige Substanz der Klagegesänge Pierre Abélards und eines seiner anonymen Zeitgenossen. Gut so: denn was die Hörer an feinen emotionalen wie rhythmischen Nuancen, an süßen gemeinsamen Spitzentönen und fast immer wie aus einem einzigen Mund gesprochenen Konsonanten erreicht, ist dem puren Ensembleklang zuzuschreiben. Großartig auch die Leistung des Schlüsselfiedlers Marco Ambrosini sowie der Schlagzeugerin Katharina Dustmann, die das sparsame Material etlicher mittelalterlicher Tanzmelodien zum Leben bringen. Knisternde Querbezüge ergeben sich ebenso zu den „Cinq Rechants“ des modernen Mystikers Olivier Messiaen sowie zu Philippe Manourys sprachspielerischer Studie „Slova“ aus dem Jahr 2001: auch dies eine glückliche Folge der am Mittelalter geschärften Wahrnehmung für die unverbrämte musikalische Information.

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KUNST

Bilder wie aus

vielen Händen

Natürlich rückt das „Brücke“-Jahr Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Co. ins Rampenlicht. Das Kollwitz-Museum holt nun einen Maler aus dem Schatten hervor, den die Großen des deutschen Expressionismus unweigerlich werfen: den 1977 verstorbenen Berliner Max Kaus (Fasanenstr. 24, bis 5.12.). Seine Bekanntschaft mit Heckel, Mueller und Schmidt-Rottluff schlug sich in seinem Schaffen nieder – auf ein allerdings eher inkonsistentes Werk, das zwischen Verspieltheit der Linien und strenger Konstruktion schwankt. Waschechter Expressionist ist Kaus nur im Frühwerk. Zwei kleine, flüssig und farbintensiv hingeworfene Frauenporträts von 1917 fallen ins Auge. Eher ruhig, der Neuen Sachlichkeit zugeneigt, sind die Fluss- und Kanalbilder der Dreißiger, während das Spätwerk des einstigen Direktors der Hochschule für bildende Künste (1953–1968) manieriert daherkommt: Da stehen griechische Säulenreste gegen kringelig ins Himmelblau verwickeltes Olivengeäst.

Expression und Kitsch liegen manchmal nur eine Pinselbreite voneinander entfernt. Kaus’ Holzschnitt-Können belegt eine Serie mit Profilen von Ödipus’ Kindern (1960): Antigone beeindruckt als verschleiertes Trauergesicht. Der Künstler wusste, was Trauern bedeutet: Das Leiden seiner ersten, 1944 an Krebs gestorbenen Frau dokumentierte er in Aquarellen und Zeichnungen. Schade, dass keins dieser berührenden Blätter im Kollwitz-Museum zu sehen ist, nachdem der Gesamtzyklus vor acht Jahren schon einmal hier ausgestellt war. Jens Hinrichsen

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