Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Meister

der Menschlichkeit

Die beiden Werke des Abends – späte Kammermusik von Franz Schubert – könnten allein schon genügen, um den Kammermusiksaal bis unters Dach zu füllen. Holt sich ein so fabelhaftes Ensemble wie das Artemis-Quartett dann noch einen Meistercellisten wie David Geringas als Verstärkung, kann einfach nichts mehr schief gehen. Es entsteht ein Musizieren, das unablässig von den großen Dingen des Lebens – und des Todes – zu singen und zu sagen hat. Im C-Dur-Quintett aus dem Todesjahr 1828 macht Schubert das von Anfang an unmissverständlich klar, indem dem energischen C-Dur-Akkord unmittelbar die Moll-Eintrübung folgt, um dann in helle „Lohengrin“-Gefilde zu entschweben. Im Terzengesang des Seitenthemas wetteifern der Cellist Eckart Runge und Geringas um Klangschönheit – wiewohl der Stargast sich immer wieder diskret ins zweite Glied zurücknimmt. Doch wie er noch die unscheinbarsten Begleittöne akzentuiert, für Fundament und Struktur sorgt, dem feingliedrigen „Artemis“-Spiel noch einen Hauch Intensität hinzufügt, das zeigt echte Größe.

Wenn zuvor Natalia Prishchepenko am ersten Pult dem a-moll-Quartett (1824) zartere Farbe und agogische Flexibilität verleiht, dann entspricht das genau seinem weicheren, elegischen Charakter. Der Beiname „Rosamunde“, vom lieblichen Andante-Thema herrührend, scheint zu fließender, manchmal wie andeutender Beiläufigkeit und atmender Ruhe zu inspirieren. Ein erstaunlich junges Publikum bedankt sich mit Jubel und anerkennenden Pfiffen.

* * *

FOTOGRAFIE

Profi

der Provokation

Ende der Achtzigerjahre pinkelte Andres Serrano, halb Honduraner, halb Afro-Kubaner, in ein Glas. Dann nahm er sich eine Jesusfigur am Kreuz, tauchte sie in den Urin und machte ein Foto davon. Das sah zunächst harmlos aus: Jesus, ein bisschen unscharf, im farblich warmen, etwas trüben Medium. 1989 wurde das Foto mit dem Titel „Piss Christ“ in North Carolina ausgestellt. Der Skandal war perfekt, in den USA entbrannte eine Debatte um künstlerische Freiheit und Zensur. Seither ist Andres Serrano ein berühmter New Yorker Fotokünstler – inzwischen lässt er pinkeln.

Eines seiner Fotos, derzeit bei C/O Berlin (bis 4. 12., Mi - So, 11 - 19 Uhr) zu sehen, zeigt einen Mann, wie er den Urinstrahl einer Frau trinkt. Andere Fotos aus dem Zyklus „A History of Sex“ handeln von Masochismus oder Sodomie. Provozierender als die Darstellung solcher Sex- Praktiken ist wohl, dass Serrano Fotos Schwuler beim Oralsex mit in diese Reihe stellt. Auch mit Nahaufnahmen von Toten in „The Morgue“ („Das Leichenschauhaus“) will er provozieren. 2002 porträtierte Serrano „typische Amerikaner“ und heroisierte sie fotografisch zu Cover-Models: Ein Zuhälter, ein New Yorker Feuerwehrmann, eine Heroinabhängige, eine Indianerin... Ob er damit vom Provokateur zum Patrioten mutiert ist, oder ob „America“ satirisch gemeint ist, bleibt offen. Dagny Lüdemann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben