Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Funke

THEATER

Der Träumer und

die bessere Welt

Léo ist ein guter Kerl, aber das Wort „Hoffnung“ bringt er nicht über die Lippen. Überhaupt kann er nur negativ denken, weil ihm als Kind ein Ziegelstein auf den Kopf fiel. Um Hoffnung aber geht es in Die sieben Tage des Simon Labrosse von Carole Fréchette. Einer tritt an gegen Gleichgültigkeit und Gefühlskälte. Simon, der Arbeitslose, will Poesie unter die Leute bringen – und Léo helfen, dem Pessimisten. Die kanadische Dramatikerin hat ein Märchen geschrieben, das wie mit einem Zauberhauch alles Wissen um das Böse auszulöschen versucht. Liebe will Simon in die Welt bringen – und scheitert. Oder nicht? Sieben Versuche an sieben Tagen macht der Arbeitslose, mit dem Mädchen Nathalie und mit Léo. Bietet sich an als einer, der die Armut der Gefühle in Reichtum verwandeln kann.

Bei der deutschsprachigen Erstaufführung im Studio des Maxim Gorki Theaters kommt die Leichtigkeit des Texts auf dem weißen, dekorationslosen Bühnenpodest von Halina Kratochvil zu anrührender Wirkung. Regisseurin Britta Schreiber lässt die Darsteller im entrückten Raum agieren, in dem allein die Vorstellungskraft zu Hause ist. Sie brechen die Naivität mit Ironie, machen das flirrende Spiel zwischen Engel und Teufel zum Abenteuer einer Welterkundung. Anna Kubins Nathalie ist das Ereignis des Abends, ein quirliges Mädchen von ansteckender Fröhlichkeit. Die Schauspielerin geht durch die Rollen mit Anmut und Spott – und bleibt ein Schelm, der um den Ernst des Lebens weiß. Ulrich Anschütz packt Léos Ingrimm derweil in beherrschten Trotz, Stephan-Wolf Schönburg bleibt als Simon in sich gekehrt, läuft aber auch zu zorniger Leidenschaft auf. Bei ihm stirbt die Hoffnung tatsächlich zuletzt. (wieder heute, am 28.10., 6., 12.11.)

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ROCK

Das Genie und seine

große Schwester

Ein riesiger Apfel prangt im Strahlenkranz hinter der Bühne. Mal strahlt er glühend-rot, mal gleißend-weiß. Das Motiv wirkt wie ein Schutzzeichen gegen das Böse, mit dem sich die White Stripes auf ihrer aktuellen Platte „Get behind me Satan“ herumschlagen – gegen Tod und Teufel mit Gitarre, Schlagzeug und neuerdings auch Klavier. Den Steinway-Flügel beachtet Jack White in der ausverkauften Columbiahalle jedoch kaum. Er ist ganz auf seine E-Gitarren konzentriert, spielt sie stark verzerrt und versiert. Schon nach dem metallischen „Blue Orchid“ legt er sein schwarzes Sacko ab. Als ihm wenig später noch der flache Zylinder vom Kopf fliegt, bleibt nichts von seinem anfänglichen Totengräber-Look. Hier kommt Jack White, das schwitzende Rock’n’Roll-Tier. Schlagzeugerin Meg White stellt er als „my big sister“ vor, obwohl bekannt ist, dass die beiden mal verheiratet waren. Sie trommelt in ihrem typischen schlichten Stil, der das Publikum sicher durch die genialischen Eskapaden ihres Partners schifft. Wie wichtig Meg für das Duo ist, zeigen auch ihre zwei Gesangsauftritte: Sie wird mit Applaus am Mikrofon begrüßt, und den Refrain von „In the cold, cold Night“ singen alle mit. Nadine Lange

LITERATUR

Der Autor und

sein Alter ego

Niemand durfte erwarten, dass der Schriftsteller Georg Klein erklären würde, welche Ingredienzien es für gute Romane eigentlich braucht. In seinem Poetik-Vortrag am Literarischen Colloquium kündet er unter dem Titel Die Hölle der Autoren vielmehr davon, wovor er sich beim Schreiben zu hüten versucht. Es ist ein fiktiver Herr namens A.Z., an dem er die Gefährdungen des Metiers studiert. A.Z., ein Mann aus dem schmuddeligen Drogenmilieu, ist ein Guru, der seine Jünger mit Heilsversprechen überhäuft. Bei ihm wird klar, wie Lehrhaftes mit Literarischem auf Kriegsfuß steht. Seine „Vergangenheitssucht“ führt zur Einsicht, dass, wer auf Gegenwart zielt, den Göttern der Zeitgeschichte nur kleine Beträge opfern sollte. Und dass ein allzu starkes Ich den Zugang zum Wirklichen verstellt.

Wenn Klein seine Poetik nicht in diskursive Regeln zwängt, sondern in Rollenprosa präsentiert, ist das auch eine Frage der Redlichkeit. Ein Künstler-Ich, das stabsplanmäßig produziert, hält er für eine Schimäre. Denn für gute Texte muss die Ich-Kontrolle zurückgefahren werden, „der Wille darf nicht draufhocken“. Doch A.Z., das schillernde Wesen, ist auch einer, der den angehenden Schriftsteller „Body“ tauft, ihn so an seinen körperlichen Einsatz beim Schreiben und – via englische Sprache – an eine amerikanisierte Welt gemahnt. Zudem weiß A.Z., dass „reine Stoffe“ in dieser Welt kaum zu kriegen sind. Nicht zuletzt aber ist ein A.Z. vonnöten, um überhaupt „auf Abwege zu geraten“. Der „Kühnheit“, ihnen zu folgen, bedarf es beim Schreiben zuallererst. Steffen Richter

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KLASSIK

Heinrich,

mir graut vor dir

Die Inspiration setzt ein, wenn alles zu spät ist: Gretchens „Meine Ruh ist hin“, die Szenen im Dom und im Kerker gehören zu den wenigen starken Momenten in Anton Radziwills Faust von 1820. Als erste Vertonung des Goetheschen Dramas erfreute sich die Bühnenmusik des polnischen Fürsten und wackeren Amateur-Tonsetzers dennoch bei der Sing- Akademie zu Berlin lange großer Beliebtheit. Nachdem der Schwesternchor der traditionsreichen Laienvereinigung, die Berliner Singakademie, die in der Staatsbibliothek verfügbare Partitur bereits 1982 wieder zur Diskussion gestellt hatte, wagte Joshard Daus nun im gut besuchten Kammermusiksaal der Philharmonie eine erneute Aufführung. Mit Fionuala McCarthy, Annette Kuhn, Thomas Mohr und Thomas Dewald hatte er engagierte Solisten gefunden, und auch sein Zelter-Ensemble sang die hübschen, wenn auch wenig spektakulären Chorsätze mit frischem, hellen Klang. Dass die knapp dreistündige Aufführung dennoch in quälender Langeweile versank, lag an der indiskutablen Leistung des Staatsorchesters Braunschweig. Dirigent Daus gelang es keinen Takt lang, die Musiker zu spannungsreichem Spiel zu animieren: Ebenso lust- wie glanzlos, mit verwischten Konturen und schwerfüßigen Tanzrhythmen arbeiteten sie sich durch die Partitur. Faust, der Tragödie Altenteil. Frederik Hanssen

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