Kultur : KURZ & KRITISCH

Lea Streisand

PUPPENTHEATER

Der letzte

Walzer

Duda Paiva ist Tänzer und Puppenspieler. Außerdem ist er verzweifelt. Seine Puppe, ein steinerner Engel auf dem Friedhof, will nicht mit ihm sprechen: „He doesn’t want to talk when I want him to talk“. Dabei sollte er es doch sein, der der Puppe Leben einhaucht, ihr Bewegung und Sprache gibt. Der Engel aber revoltiert dagegen. Am Ende nimmt er Paiva und damit sich selbst am Ende das Leben. Das Stück „Angel“ war Auftakt des Puppentheaterfestival Niederlande Spezial , das noch bis Sonntag in der Schaubude (Greifswalder Str. 81-84, Prenzlauer Berg ) läuft: morgens Kindertheater, abends Vorstellungen für Erwachsene. Im „Totenwalzer“, der am Mittwoch zu sehen war, werden die Kategorien von Leben und Tod spielerisch in Frage gestellt. Trinette Kuijpers gibt den schwarzen Herrn, der uns „über die Grenze“ begleitet. „Ist das ihre Hand in meinem Nacken?“, fragt der Greis den Tod, der neben ihm auf der Parkbank sitzt. „Ja“, sagt der Tod, „wenn ich sie wegnehme, ist es vorbei.“ Der Frage nach dem Verhältnis zwischen Spieler und Puppe wird ganz hamletesk die nach Sein oder Nichtsein gegenübergestellt. Die konzentrierte Darstellung mit nur einem menschlichen Spieler auf der Bühne verhindert jedes Pathos. Am Samstag wird Neville Tranter, der ungekrönte König des niederländischen Puppenspiels, seinen „Molière“ authentisch auf offener Bühne sterben lassen. Es ist die Dernière des Stückes. Wenn Tranter der Puppe die Hand aus dem Nacken nimmt, dann ist es wirklich vorbei (Heute: 10 Uhr „Wombas’dias“, 20 Uhr „Lustig verirrt“, beides mit Ad van Iersel, weitere Informationen: www.schaubude-berlin.de .

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KUNST

Tanze mit mir

in den Morgen

Wie ein Vogelschwarm schwirren die Bilder durch den Raum: kleine, leuchtend bunte Quadrate, jeweils unterteilt in eine schwarze und eine rote Hälfte, und darauf ein blauer oder grüner Farbfleck. „Anidot“ nennt Angelik Riemer ihre neuesten Werke: eine etwas gewollte Wortschöpfung, zusammengesetzt aus Anima, Seele, und dot, Fleck. Was im neu gegründeten Art & Fiction Club (Friedrichstr. 112a, täglich 11 bis 15 Uhr, nur noch bis 30. 10., Finissage 29.10., 19 Uhr) in reizvoll vergammelten Altbau-Räumen zu sehen ist, ist ein eindrucksvoller Rückblick auf fast 40 Jahre beharrliches Schaffen in Berlin. Nicht immer hat Angelik Riemer, 1948 in Kiel geboren und seit 1966 in Berlin, später an der HdK Meisterschülerin bei Hann Trier, dabei die kleine Form gewählt. Geradezu monumental waren die Farbtafeln, die sie zum Beispiel in der Berlinischen Galerie zeigte. Sieben Schaffensphasen zählt die Künstlerin seit 1971. Gemeinsam ist ihnen die mutige Farbgebung: „Preußisch Blau“ ist eine ihrer Lieblingsfarben. Unter dem Einfluss japanischer Kunst werden die Arbeiten ab 2001 zunehmend kalligrafischer. Farblinien fließen von den Seiten her durch das Bild wie elektrische Ströme, und in den „Anidots“ „malt“ die Farbe sich selbst, indem die Künstlerin die Leinwand dreht und wendet. Und die Tafeln danach durch die Räume tanzen lässt. Christina Tilmann

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