Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK I

Klingt

locker

Weltweit vor allem für ihr tänzerisch leichtes Bach-Spiel gefeiert, gibt die Pianistin Angela Hewitt ihr mit Spannung erwartetes spätes Berlin-Debüt. Die Kanadierin spielt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Mozarts gern als dämonisch bezeichnetes d-moll-Konzert. Und fürwahr, im musikalischen Untergrund reift da schon „Don Giovanni“ heran. Auf die Vorboten seiner erotischen Gewalt reagiert Hewitt wie die langjährige Teilnehmerin eines schwärmerischen Literaturzirkels: Sie versucht ihr Spiel unbemerkt auf klar umrissenes, barockes Terrain zu verlegen – und signalisiert mit dem leichten Flattern in jeder Phrase zugleich ihre permanente Bereitschaft zur Ohnmacht. Ein intimer Manierismus, eine salonhafte Attitüde, die ihren Mozart vor allzu perlend-abperlendem Klang bewahrt, aber sicher nicht bis zu den letzten Geheimnissen der Musik vordringt. Das gilt leider auch für den Versuch von Lawrence Renes , Mahlers großes Abschiedswerk von der Welt, die 9.Symphonie, mit unsentimentaler Zackigkeit zu dirigieren. Der junge Bremer GMD federt klar artikuliert durch die Partitur, das DSO folgt hochanimiert. Doch die Musik verliert an innerem Leben, je unnachgiebiger die Taktschläge durchgehalten werden. Und das Herz scheint in erster Linie ein Muskel zu sein (noch einmal heute, 20 Uhr).

* * *

KLASSIK II

Klingt

lecker

Clemens Goldberg weiß, was gut ist: Den promovierten Musikwissenschaftler kennt man sowohl als Konzert- wie auch als Restaurantkritiker des RBB. Und weil ihm unreflektierter Konsum beim Musikhören ebenso ein Gräuel ist wie beim Essen, hat er jetzt die erste Lunchkonzertreihe Berlins ins Leben gerufen: Immer am ersten Mittwoch des Monats spielt er künftig seine carte plaisir aus. Auf ein kurzes moderiertes Konzert um 12 Uhr mittags im Studiosaal der Hochschule für Musik Hanns Eisler folgt ein gemeinsames Essen in den E.-T.-A.-Hoffmann-Stuben des Restaurants „Lutter&Wegner“, das sich im selben Haus am Gendarmenmarkt befindet. Goldberg will seine Gäste zum slow listening verführen, ihre Wahrnehmung für klangliche und inhaltliche Nuancen der Werke schärfen. Dabei gibt er sich allerdings nicht – wie die meisten Radiosender – mit Leichtverdaulichem zum Mittag ab, sondern serviert komplexe Kost. Zum Eröffnungskonzert wählte er Felix Mendelssohns hochdramatisches f-Moll-Quartett, aus dem er die Schreie eines Ertrinkenden auf hoher See heraushört – und das vom Kuss-Quartett dann auch dementsprechend wild bewegt gespielt wurde. Am 2. November wird er die Suiten für Solo-Cello von Benjamin Britten filetieren, bevor die 1978 geborene Französin Zoé Cartier sie anschließend im ganzen Stück serviert (Infos: www.hfm-berlin.de). Frederik Hanssen

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