Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

ROCK

Mehr Lärm,

mehr Spaß

Filmharmonikamusik und Breitwandgeigen ertönen vom Band, während die Band auf die Bühne huscht. Steve Wynn & The Miracle 3 haben ein wunderbares Album veröffentlicht, „tick.tick.tick“ (Blue Rose). Live im Knaack machen die neuen Songs noch mehr Spaß. Überhaupt, alles neu: Linda Pitmon drischt in ihr neues rotes Schlagzeug, schüttelt Maracas und die neue Kurzhaarfrisur. Und der neue Bassist, Erik aus Holland, lässt den Music-Man heftig knattern und die Haare flattern. Steve Wynn, in den 80ern Frontmann der legendären kalifornischen Dream Syndicate, hat eine neue Stratocaster, nicht mehr die Tele von früher, und einen kürzeren Haarschnitt. Sonst alles beim Alten. Und es wird noch besser. Mehr Energie, Lärm, Spaß. Alles in Bewegung: vor der Bühne, auf der Bühne.

Jason Victor zuckt epileptische Soli aus der Jazzmaster. Ein Punkmaster, ein Meister schneidender Töne. Verzerrt, verechot, verhallt. Steve wippt daneben, hält dagegen. Zwei Gitarren sägen grob verzahnt durch die dicke, verqualmte Knaack-Luft. Steve lacht. Er ist ein leidenschaftlicher Shouter. Aber auch gefühlvoller Balladensänger mit einer berauschenden Version von „Blind Willie McTell“ als würdige Huldigung an Bob Dylan. Dann wieder entzückender Krach. Bo-Diddley-Beat unter Starkstrom, Clash-Riffs als Flächenbrand. Hypnotische Soundstürme. Ähnlich wie Neil Youngs Band Crazy Horse zeigen auch Steve Wynn And The Miracle 3, dass es im Rock’n’Roll nicht um Perfektion und Posen geht. Ausdruck, Gefühl und Seele, darauf kommt es an.

* * *

LITERATUR

Mehr Ringel,

mehr Tingel

„Ringelnatz ist nicht etwa der Gatte einer Ringelnatter“, zitiert der Schauspieler Hans Diehl den österreichischen Schriftsteller und Kritiker Alfred Polgar. „Ringelnatz ist ein Natz, der sich ringelt.“ Was aber ein Natz ist, weiß nur Ringelnatz selbst. „Und auf einmal steht es neben dir...“ heißt Hans Diehls Ringelnatz-Abend im Bruckner-Foyer des Renaissance-Theaters . (wieder am 5.11., 21 Uhr, 3.12., 16 Uhr, Karten: 030/3124202).

Joachim Ringelnatz, der eigentlich Hans Bötticher hieß und 1883 das Licht der Welt erblickte, begann seine Karriere in der Schwabinger Künstlerkneipe Simplicissimus und tourte in den Zwanzigern durch deutschsprachige Kabaretts bis Prag, Zürich und Wien. Zu den bekanntesten Versen des Kuttel-Daddeldu-Erfinders gehören die Turngedichte („Das Unbeschreibliche zieht uns hinan, der ewig weibliche Turnvater Jahn“), die Diehl im geringelten Pullover mit gymnastischen Übungen einleitet. Diehl gibt den saufenden Clown: Er braucht einen Whisky, bevor er zu den Kuttel-Daddeldu-Texten übergeht und nicht nur die humoristische Prosa und Lyrik („Die Schnupftabakdose“, „Die Ameisen“, „Logik“ sowie das komischtraurige „Ich habe dich so lieb“ ) des Dichters vorträgt, sondern auch biografische Anekdoten zum Besten gibt: von „flüchtigen Schulbesuchen“ bis zu Ringelnatz’ Erfahrungen auf See. Zur Stimmung des Abends trägt Christian Gerbers melancholisches Akkordeon bei. Ringelnatz’ Lieblingslied war übrigens „La Paloma“. Tobias Schwartz

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