Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Wie der Puls

schlägt

Außerhalb des neu etablierten Berliner „Musikfestes“ gelingt es der Konzertdirektion Adler, mit erlesenen Gastspielen Feststimmung in die Philharmonie zu bringen. So trifft das Tonhalle-Orchester Zü rich auf ein Publikum voller Sympathie und Neugier, darunter Ashkenazy neben Rattle. David Zinman, seit 10 Jahren Chefdirigent und für fünf weitere verpflichtet, setzt nicht auf Sound-Fetischismus, sondern auf eine Vitalität, die von innen kommt, aus der Natur der Musik und ihrem Pulsschlag. Diese unprätentiöse Haltung hat seine Beethoven-Interpretationen berühmt gemacht. In der Einleitung der „Weihe des Hauses“ wirkt sie eher nüchtern, weil Pathetik solchem Musizieren fremd ist. Dafür bezaubert die Durchleuchtung der Fuge. Aller Kontrapunkt gewinnt hier Ausdrucksqualität.

Während das Stück im Spätwerk Beethovens zugleich fremd und stilistisch vertraut neben der neunten Sinfonie steht, lebt das zweite Klavierkonzert aus dem Geist des 18. Jahrhunderts. Und wird so gespielt: vom Orchester mit einer präzisen Anmut, flexibel genug, um dem Pianisten Yefim Bronfman Raum für seine feinen Überraschungen zu geben. Ein musikalischer Charakterdarsteller. Mit schwerelosem Elan setzt sich das aparte Programm in der C-Dur-Sinfonie Schumanns fort. Durchsichtigkeit bewirkt, dass dem „melancholischen“ Fagott die Rolle zukommt, die Schumann so wichtig war.

POP

Was das Herz

sagt

Um eines gleich vorab zu klären: Der Hund Marie ist natürlich kein Hund. Der Hund Marie ist das Pseudonym von Max Schröder, dem Leadgitarristen der Band Olli Schulz und der Hund Marie . Im ausverkauften Knaack spielen die beiden in Begleitung eines Bassisten und eines Schlagzeugers wunderbar unperfekt ihre Lieder über Liebe. Und verseln dabei ständig zwischen Poesie und Persiflage, Ballade und Banalem – exemplarisch dafür der Titel ihres ersten Albums: „Brichst du mir das Herz, dann brech’ ich dir die Beine“. In diesem Ansatz erinnern sie dabei an den Altmeister Funny van Dannen – dessen musikalisches Potenzial erreichen die Hamburger Jungs aus dem Fahrwasser von Tomte und Kettcar allerdings nicht. Die Songs begnügen sich mit ein paar Akkorden, Virtuosität ist etwas anderes. Aber dann diese Texte: „Ich weiß nicht mehr, ob wir jemals glücklich waren / alles scheint so fern und fremd / doch ich bin sicher, dass der Schmerz dein’ Namen kennt / goodbye, my spooky girlfriend“. Und Olli Schulz natürlich. Der erzählt ein halbes Konzert lang sein halbes Leben. Wie er Tracy Chapman zur Weißglut brachte, wie er in Metal-Clubs auflegte, wie er gelegentlich mit seinem Bett symbiotisiert. Unterhaltung mit und ohne Publikum, mit und ohne Pointe, aber so viel angenehmer Selbstironie und -reflexion, dass es selbst für einen Westernhagen ausreichen würde. Richard Kropf

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