Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Parnass der

Professoren

Sieben rote Taftkleider hängen zum Boden herab. Plötzlich fangen sie an, wie wild herumzuwirbeln. Ursula Neugebauers elegante Windmaschine verwandelt die Vernissage für Augenblicke in eine rauschende Ballnacht. Abgesehen von der einsam für sich kratzenden Geige Rebecca Horns bewegt sich aber sonst wenig – viel Malerei und Skulptur, kaum Fotografie, kein Video: 32 UdK-Professoren der Bildenden Kunst stellen in der Berlinischen Galerie aus (Alte Jakobstraße 124, bis 8. 1., Mo–Sa 10–20, So 10–18 Uhr). Eine vergleichbare Leistungsschau der Lehrkräfte hat es zuletzt vor 20 Jahren gegeben, da hieß die Akademie noch „Hochschule der Künste“. Heute sind es Studenten einer ordentlichen Universität, die die Arbeiten ihrer Professoren und Dozenten studieren können.

Natürlich kennt jeder das Nesthäkchen der Runde, den Malerstar Daniel Richter (Jahrgang 1962), der eine atelierfrische Ölskizze präsentiert: „Das erstaunliche Comeback des Dr. Freud“. Auch Karl Horst Hödicke, Georg Baselitz, Bernd Koberling, Christiane Möbus und Tony Cragg sind Teil der Gemischtwarenschau. Doch das willkürliche Arrangement – die naturpoetische Wortinstallation in Hellblau von Leiko Ikemura paart sich mit der ereignishaft-farbintensiven Malerei von Henning Kürschner – gewinnt manchmal doch ästhetischen Reiz. Da erweist sich der Wirbel von Egos, Formen und Stilen als überraschend verträgliches Rezept.

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LITERATUR

Verrat aus

Behaglichkeit

Wo beginnt der Verrat an der Liebe? Die Betten-Theorie von Balzac hat darauf eine Antwort: Schlecht steht es, wenn die Liebe auf eine große Matratze gebettet wird; so wollen die Partner nur die Stimmung des anderen kontrollieren. Noch trostloser sind zwei Betten in einem Raum, darum lebt am besten miteinander, wer zwei Zimmer hat. Ingrid Bachér stellt die Frage nach dem Liebesverrat in ihrer gleichnamigen Erzählung (Dittrich Verlag, Berlin 2005, 120 S., 14,80 €), die sie heute um 21 Uhr im Berliner Buchhändlerkeller vorstellt. Die erzählerische Konstellation ist prekär: Drei verheiratete Paare, seit langem befreundet, treffen sich zu einem Silvesterdiner. Dazu kommt eine junge schöne Frau. Sie hat ein Verhältnis mit einem der drei Ehemänner. Davon wird die Festtafel bald erfahren. Man bemüht sich, gelassen zu reagieren. Doch peu à peu kommen Risse zum Vorschein.

Verrat an der Liebe heißt für die 75-jährige Autorin, die Mitglied der Gruppe 47, Präsidentin des westdeutschen PEN-Zentrums war und zuletzt im „Tagebuch einer Annäherung“ (2003) über das Alter schrieb, vor allem Verrat an einer Haltung. Ein Verrat aus falscher Behaglichkeit, als ob man das Leben mit einem langen Regen verwechseln könnte, bei dem man den Schirm aufspannt und wartet, bis es vorbei ist. Dagegen stellt sie eine Prosa der Neugier, des Staunens, der Aufmerksamkeit. Thomas Wild

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ARCHITEKTUR

Arbeitsbienen

in Ökowaben

Die Architektur der Moderne war nicht zuletzt Industriearchitektur. Mit Stahl und Glas fanden ihre Baumaterialien Eingang in die Alltagsarchitektur. Wie aber kann ein befruchtender Einfluss einer innovativen Industriearchitektur heute aussehen, nachdem der Fortschrittsglaube des 20. Jahrhunderts verlorenen gegangen ist? Das zeigt die Galerie Projekt 0047 (Tieckstraße 10, bis 5. November) unter dem Titel „Industry Revisited“ an zwei Beispielen zeitgenössischer Architektur im industriellen Umfeld. Das norwegische Architekturbüro Helen & Hard hat verschiedene Projekte für das Hafengelände von Stavanger entwickelt. Einen entscheidenden Aspekt ihrer Arbeit bildet das Recycling von Materialien der Ölindustrie, von Deckplattformen und Rohrleitungen, sei es für Wohnungen oder eine Platzanlage. Eine ganz andere Herangehensweise zeigt die Arbeit der Berliner Architekten Frank Barkow und Regine Leibinger. Für ein süddeutsches Industrieunternehmen entwickeln sie nach den Werkhallen nun auch Eingangsgebäude und Kantine. Leicht in die Erde abgesenkt, besitzt dessen Baukörper eine polygonale Form. Seine Besonderheit liegt in der Dachgestaltung aus vieleckigen Holzelementen, die in eine tragende Stahlstruktur eingefügt werden sollen. So entsteht der Eindruck einer organisch anmutenden Architektur, die an wabenartige Zellstrukturen erinnert. Jürgen Tietz

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LITERATUR

Die älteste

Geschichte der Welt

Alt ist er, der Streit zwischen den Anhängern einer wissenschaftlich fundierten Übersetzung, die in erster Linie auf Sprach- und Fachkenntnissen basiert, und denen, die sagen, dass die lyrische Intuition von größerer Bedeutung ist. Die neue Übersetzung des Gilgamesch-Epos , die der Assyrologe Stefan M. Maul vorlegt (C. H. Beck, 192 S., 19,90 €), gehört zum ersten Typ. Die 2001 bei Hanser erschienene poetische Version von Raoul Schrott wird damit nicht abgeschafft. Doch das neue Buch sei wärmstens empfohlen: Erstens dient ihm die neueste wissenschaftliche Edition des Gilgamesch aus dem Jahr 2003 als Grundlage. Daher sind wir mit dieser Übersetzung auf dem neuesten Kenntnisstand über das älteste schriftliche Zeugnis des menschlichen Geistes, das uns erst seit dem 19. Jahrhundert bekannt ist. Zweitens ist das neue Buch mit einem sehr gründlichen Kommentar auf 50 eng bedruckten Seiten versehen. Drittens ist Gilgamesch, der Ursprung aller Geschichten, ein Werk, das man sowieso immer mal wieder lesen sollte. Olga Martynov a

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