Kultur : KURZ & KRITISCH

Tobias Schwartz

PERFORMANCE

Wie der Weltuntergang

inszeniert wird

Wie funktioniert eine Katastrophe in unserer Gesellschaft? So lautet das Thema einer Künstlergruppe, die sich zur Diskussion trifft. Der Treffpunkt, die Bühne, ähnelt einem Studio. An einer Stellwand haften Lagepläne und Landkarten. Eine Leinwand zeigt Bilder aus dem Katastrophengebiet „Falli Hölli“. Die Feriensiedlung wurde 1994 durch einen Erdrutsch zerstört. Die Berichterstattung findet „live vor Ort statt“, wird versichert. Der Zuschauer im Studio kann sich vom Gegenteil überzeugen.

Die Theatertruppe Schauplatz International aus der Schweiz untersucht im Hau 3 ironisch die Beziehung der Katastrophenberichterstattung zur Realität: „Die Modellflugzeuge von meinem Vater sind alle abgestürzt.“ Die Performance Atlas of Catastrophes macht die Manipulation von Katastrophen plastisch (wieder am 4. bis 6.11.) . Ein Film soll zeigen, wie die Welt „den Bach runtergeht“. Dem die Welt symbolisierenden Ball muss dabei aber mit einem Fußtritt nachgeholfen werden. Die Entlarvung der Dramaturgie von Katastrophenberichten zeigt deutliche Parallelen zum Theater. Kurzweilig werden die anderthalb Stunden durch schwarzen Humor: Man soll keinen Viktoriabarsch mehr essen. „Die Fische haben sich ernährt vom Genozid, der da rumschwamm.“ Oder „die Welt ist nicht schön, nein, sie ist nicht schön. Schön ist sie nur, wenn wir träumen“, heißt es in einer Playbackeinlage. Ein schönes Fazit.

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FILM

Wenn die Träume

vergehen

„Tot sind nicht die in süßem Frieden in ihren Gräbern ruhen, tot sind die leben mit kaltem Herzen.“ Zwanzig Jahre sind vergangen, dass zwei junge Frauen in einem Zelt in den Bergen, wo sie für die sandinistische Revolution auf Wacht standen, diesen Vers des nicaraguanischen Klassikers Ruben Dario rezitierten. Kristina Konrad , der lateinamerikaerfahrenen Dokumentaristin, ging die von ihr gefilmte Szene nicht aus dem Sinn. Die Schweizerin hat sie an den Anfang einer Spurensuche nach dem heroischen Gestern gesetzt, nach einem Teil ihres eigenen Lebens. „Unser America“ heißt ihr Film (in Berlin in den Kinos Eiszeit und Hackesche Höfe, OmU).

Nach den freien Wahlen von 1990 und dem Ende des grausamen Bürgerkriegs haben sich auch die einstigen Soldatinnen mit den Verhältnissen arrangiert. Eine wurde Armenanwältin, die andere handelt mit Kosmetika. Im besten Hotel der Hauptstadt trifft sich die Autorin mit dem Bürgermeister von Managua. Er ist bekennender Sandinist und zugleich stolzer Besitzer des Vergnügungsparks Hertylandia. Wortreich beschwört Kristina Konrad die Vergangenheit und lässt an der „neoliberalen“ Gegenwart kein gutes Haar. Einen Landsmann von ihr und Leiter einer Arbeitsbrigade haben die von den USA unterstützten Contras 1986 umgebracht.

Man würde gern mehr über das abgewählte sandinistische Programm erfahren. Für Erklärungen bleibt im Film jedoch keine Zeit. Umso aufschlussreicher sind die Bilder vom modernen Nicaragua. Der glühenden Rhetorik der Massenkundgebungen von einst, auf sprödem Schwarzweißfilm bewahrt, stehen die bunten Szenen des Alltags heute gegenüber. Religiöse Prozessionen erfreuen sich großer Anteilnahme, auch manche Kämpferin hat sich dem Glauben zugewandt. Niemand klagt, offenbar nicht aus Furcht. Nur Kristina Konrad, die Europäerin, die sich solche Romantik eher leisten kann, betrauert beredt und zornig den Verlust eines Traums. „Die einzige Chance der Menschheit liegt in einem Revolutionär-Werden“, zitiert sie den französischen Philosophen Deleuze und muss doch zeigen, dass man ohne Umsturzideen viel ruhiger leben kann – mit kaltem Herzen? Hans-Jörg Rother

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STADTPLANUNG

Verteidigung

des Zentrums

Berlin vergleicht sich gern mit New York. Warum nicht mit London? Der TU-Stadtplanungsprofessor Harald Bodenschatz hat es mit dem Team seines Forschungsprojekts getan. Jetzt liegen die Ergebnisse seiner Untersuchung über Stadt- und Verkehrsplanung seit den achtziger Jahren vor ( Harald Bodenschatz (Hg.): Renaissance der Mitte. Zentrumsbau in London und Berlin. Verlagshaus Braun, Berlin 2005. 361 S., 98 €). Ähnlichkeiten werden betont – in der Entwicklung von der historischen Stadt zur Industriestadt im 19. Jahrhundert über deren Modernisierung im 20. bis zur Revitalisierung und Aufwertung der Zentren seit gut 20 Jahren. Und es werden Unterschiede deutlich – zwischen der ökonomisch boomenden „World City“ London und dem überwiegend durch die Anstrengungen der öffentlichen Hand umgeformten Berlin. London hat, bedingt durch den Wechsel der politischen Prioritäten von Thatcher zu Blair, von der Zerschlagung bis zur Wiederherstellung der kommunalen Selbstverwaltung, divergierende Phasen des Städtebaus hinter sich. Und Berlin durch Mauerfall und Hauptstadtwerdung desgleichen. So sind Darstellung und Analyse der Planungsprozesse für jede der beiden Städte hochinteressant. Die Synthese erbringt jedoch kaum mehr als die Betonung der weltweit gültigen Faktoren Tourismus, Kongresse und Kultur mit dem daraus folgenden Event-Charakter einer Stadt für konsumfreudige Besserverdiener. Aber so funktionierte Zentrenbildung schon immer. Bernhard Schulz

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