Kultur : KURZ & KRITISCH

Maxi Sickert

JAZZ

Der Meister

dilettiert

Am Anfang war Erwartung. Das Total Music Meeting eröffnete am Donnerstagabend sein Programm in der Berlinischen Galerie mit einem Auftritt des Malers Markus Lüpertz und seinem Jazzensemble TTT . Inmitten der aktuellen Ausstellung der UdK-Professoren, zwischen den roten, sich drehenden Taftkleidern von Ursula Neugebauer und großformatigen Fotoarbeiten von Katharina Sieverding steht die Bühne, natürlich vor einem Bild von Lüpertz, einer Arbeit von 1972 mit dem Titel „Unser täglich Brot III – dithyrambisch“. Das Fernsehteam und die Fotografen stehen bereit, um den Einzug des exzentrischen Malerfürsten zu dokumentieren. Er tritt auf in hochgeknöpftem Anzug im Mao-Stil, mit schneeweißem, spitz zulaufenden Bart. Die Hände, die sonst unter den schweren Ringen kaum zu sehen sind: nackt. Der Malerprofi verweist auf seinen musikalischen Dilettantismus. Und umgibt er sich mit großen Namen des deutschen Jazz, mit dem Trompeter Manfred Schoof , dem Saxofonisten Gerd Dudek und dem Gitarristen Frank Wollny , der das Projekt in den 70er Jahren gemeinsam mit dem Dresdner Maler und Musiker A. R. Penck gründete und seit 1992 mit Lüpertz fortsetzt. Der Künstler als improvisierender Laie. Eine spannende Vorgabe und ein Experiment, das aber an diesem Abend nicht aufging. Lüpertz verlor sich in simplen Motivwiederholungen und schlug mit der ganzen Hand auf die Tasten ein, als ob die physische Intensität sich auf das musikalische Ergebnis auswirken könnte. Die Musiker wiederum schienen ihre Virtuosität und Herkunft aus dem experimentellen Jazz vergessen zu haben und verfielen in das konventionelle Muster wechselnder, lustlos ausgeführter Soli. Das ratlose Publikum klatschte zögernd, um sich dann ebenfalls zu verlieren, zwischen den Bildern und Skulpturen. Und in Hoffnung auf die weiteren Konzerte des Festivals.

KLASSIK

Der Brocken

leuchtet

Musikmetropole Berlin: Während in der Philharmonie Rolando Villazón auftritt, sitzt nebenan im Kammermusiksaal das Arditti-Quartett auf dem Podium. Charismatische Musiker wie Irvine Arditti, Primus und Gründer des Quartetts, sind selten in der Neue Musik-Szene. Wenn die vier Herren ihre Bögen ansetzen, verlieren die abstraktesten Partituren ihre Sperrigkeit. Das kommt besonders dem Streichquartett von Hanspeter Kyburz zu gute, das vor einem Jahr am gleichen Ort unter ungünstigen Umständen vom Quatuor Diotima uraufgeführt wurde. Damals fehlte die Zeit zum Einstudieren; beim Arditti-Quartett konnte man das Changieren zwischen nackten Klangfragmenten und reicher Polyphonie, virtuosen Diskantsoli und kraftvollen Cellorhythmen genießen. Eine solche zweite Chance wünscht man vielen verunglückt uraufgeführten Werken.

Im 2. Streichquartettvon Leoš Janácek zeigen sich die Ardittis von ihrer klassisch-lyrischen Seite; atemberaubend gerät ihnen Béla Bartóks drittes. Oft hat man diese dichte Komposition mit einem Gefühl der Völle und Unverdaulichkeit gehört. Hier aber führen vier Musiker mit fabelhaft ausdifferenzierten Klangfarben und nuancierter Dynamik vor, dass dieser Brocken leuchten kann. Bei aller Freude über das Konzert, einen Wermutstropfen gibt es doch: Es war wohl die Berliner Abschiedsvorstellung des altgedienten Rohan de Saram, seine unverwechselbare Erscheinung wird man ebenso vermissen wie den erdigen Klang seines Cellos. Ulrich Pollmann

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