Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Funke

THEATER I

Der neue Mensch,

ein Puppenrausch

Geduld, Mut, Freundlichkeit und kritischen Humor pries Brecht als die „neuen Tugenden“ der Menschen in Erwin Strittmatters Bauernstück Katzgraben . Und machte sich über den Entwurf des „neuen Schriftstellers“ her, bearbeitete und inszenierte ihn am Berliner Ensemble. Die Uraufführung war am 23. Mai 1953. Für Brecht schien sich mit dem in Jamben geschriebenen Stück eine große Sehnsucht zu erfüllen – der neue Mensch stand auf der Bühne, redend in einer plastischen Sprache. Dieses neuen Menschen bedienen sich die Puppenspieler Melanie Sowa und Hans-Jochen Menzel bei ihrem „Katzgraben“-Abend im Studio des Maxim Gorki Theaters (dritter Versuch in der Reihe „Arbeit für alle“). Sie gehen zurück bis in die Entstehungszeit des Stücks und ziehen mit agitatorischem Furor einen Bildungsabend auf.

Der neue Mensch muss her – aber wie? Und: Was ist das für ein Kerl? Menzel dröhnt im Bekehrungseifer, Sowa hört skeptisch zu, macht schüchterne Einwürfe, endlich sind die Handpuppen dran. Mit Szenen aus Strittmatters Dichtung, da schlägt die Ironie Purzelbäume. Die kleinen Geschöpfe, von Suse Wächter und Melanie Sowa geschaffen, machen Theater. Probe mit Brecht, Weigel, Geschonneck. Aber die „Großen“, die Puppenspieler, lassen sie nicht in Ruhe. Es gibt einen neuen Dialog, der Text und Kommentar vermischt. Brechts Probenmethodik wird heiter attackiert, die beiden Agitatoren suchen nach dem neuen Menschen. Im Ausstieg aus Strittmatters Stück wird er dann geschaffen, mit riesigem Kopf und Gummigliedern, beliebig zu ziehen und zu beschneiden. Es ist – als Abschluss im überlegenen Spiel mit Masken, Wirklichkeitsfetzen und gigantischen Illusionen – ein Graus. Ein lustiger. (Wieder am 11., 27.11. und 3.12.)

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THEATER II

Der alte Star,

eine Schicksalsmacht

Der Erfolg ist – wie die Liebe – ein launischer Vogel, der keinerlei Respekt vor dem Alter kennt. Besonders tief enttäuscht er jene, die glauben, ihn fürs Leben zu besitzen. Von vier solchen Fortunaverlassenen erzählt der Dramatiker Ronald Harwood („Der Fall Furtwängler“) in seiner Herbstkomödie Quartetto , die am Theater Tribüne eine bejubelte Premiere in der Regie von Frank-Lorenz Engel feierte. Vier erloschene Opernstars finden sich in einem Altersheim für Musiker wieder, wo die Eitelkeiten und Neurosen irrlichtern und Amnesie als Gnade gilt. Die burschikose, fortschreitend vergessliche Cecily (Eva Manhardt), der dauerlustgeplagte Filou Wilfred (Joost Siedhoff), die mimosenzarte Diva Jean (Almut Eggert) und das wertkonservative Mannsbild Reginald (Gerhard Friedrich) erlebten einst mit dem Quartett aus Verdis Rigoletto einen veritablen Triumph. Heute verausgaben die Sopran-Seniorinnen und Ruhestands-Tenöre ihre Stimmen im Streit um zurückliegende Kränkungen und falsche Frühstücksmarmelade. Doch anlässlich der bevorstehenden Geburtstagsgala zu Ehren des großen Giuseppe sollen die kapriziösen Sangeskünstler auf der Heimbühne ihr Comeback zelebrieren – wird es die Nacht des Schicksals oder ihr Requiem?

Im betongrauen Kellermusikzimmer des Ausstatters Stephan Dietrich treibt Regisseur Engel seine vier formidabel gestimmten, vogelfrei aufspielenden Altstars in einen boulevardesken, gleichsam mild-melancholischen Reigen, der unprätentiös die zeitlose Kraft der Kunst behauptet. (Wieder am 6.–8., 11.–15., 18.–22., 25.–28.11.) Patrick Wildermann

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GETÖSE

Die laute Musik,

ein Güterzug

Wenn die Musiker von Zeitkratzer auftreten, ist es vorbei mit der Beschaulichkeit. Seit den Umstrukturierungen des ehemaligen Podewil hat das achtköpfige Ensemble die Volksbühne als künstlerische Heimat gewählt. Zum Auftakt der Musikzone haben sie sich mit Keiji Haino einen schrägen Vogel ins Haus geladen, der mit Sonnenbrille, Rüschenhemd und grauem Langhaar aussieht wie ein Fürst der Finsternis. Das Outfit des japanischen „Man in Black“ findet seine Entsprechung in der Musik. Unvergessen sein Auftritt im Tacheles vor 13 Jahren, als man ihm nach einer halben Stunde Flugzeuglärm auf der Gitarre den Strom abgedreht hat. Auch diesmal gibt es harte Kost aus der Schreckenskammer des Dr. Fu Man Chu.

Zeitkratzer schaffen ein sprühendes Bühnenbild für den „wahren Haino“, dessen Free-Form-Gitarre Töne erzeugt, die verrückter sind als alles, was je aus dem Instrument herausgekommen ist. Dann brutzt der Klangschamane mit dem Theremin, rappelt mit dem Drumcomputer, übt sich im spukhaften Soprangesang und dämonischen Zungenauspeitschungen, die sich anhören wie eine Kreuzung aus Jim Morrison und Godzillas Hundesohn auf Juckpulver. Nach der Pause treibt er nochmals seine funkelnde Slide-Gitarre in den weit geöffneten Space und schindet sich von Schreikrampf zu Schreikrampf, was die Zeitkratzer nur zu weiteren Höchstleistungen anspornt. Streicher, Bläser, Schlagzeug und Piano geben ihr verstecktes Letztes, ohne in fixe Gesten der Gewalt zu erstarren. Denn was zählt, ist Bewegung, exzessive Stakkato-Attacken, die den Gesamtsound in das tobende Zischen klaustrophobischer Zustände treiben. Bis alles in grandiosem Lärm aufglüht. Kratzig-kreischend wie ein lautstark durch die Landschaft rasender Güterzug, von Berlin nach Tokio, knapp vor dem Entgleisen. Volker Lüke

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