Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Wo die Moldau auf

den Mississippi trifft

Gustav Mahler kann Dirigenten schon entmutigen. Akribisch hat er seine Partituren mit Hinweisen übersät. So fremd sah er sein Werk in die Welt ragen, dass er glaubte, einen Code zum Dechiffrieren seiner Musik mitliefern zu müssen. Wer Mahlers Regieanweisungen beachtet, in denen sich die Erfahrungen des größten Dirigenten seiner Zeit bündeln, hat schon halb gewonnen. Komisch, dass es so selten passiert. Immer wieder unterliegt seine Musik einer entfesselten Jagd nach Zerrissenheits- und Weltuntergangsmotiven. Manfred Honeck , Österreicher und Ex-Bratscher der Wiener Philharmoniker, liest Mahler genau und voll Hingabe. Am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters in der Berliner Philharmonie ist Honeck in erster Linie Musiker – und nur ein kleines Stück Apokalyptiker.

Das bekommt Mahlers 1. Symphonie ungemein gut. Gleich der erste Satz („wie ein Naturlaut“) entfaltet sich nicht als schwüles Fin-de-Siècle-Gemälde, sondern als ein weiter Resonanzraum für musikalische Idyllen. Dann krachen Walzer gegen Ländler, furchtlos, erdig, elementar. Honeck unterspielt die Ironie des Leichenbegräbnisses im dritten Satz, schont das Material, um umso unbeschwerter den Gipfel des Finales zu erklimmen. Das ist fesselnd und zugleich leicht distanziert musiziert, fein ausbalanciert zwischen intellektueller Herausforderung und musikalischer Redlichkeit. So steuert Honeck zuvor an der Seite des wunderbar unprätentiösen Truls Mørk auch durch Dvoraks Cellokonzert. Moldau und Mississippi strömen in den Herzkammern dieser Musik dunkel zusammen – eine Utopie, von Mørk mit zarter Trauer besungen.

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KLASSIK

Wo Paprikapaste

auf Vanillezucker trifft

„Ich war gerade in Wien“, moderiert Dirigent Anthony Inglis einen berühmten Strauß-Walzer an, „da floss die trübbraune Donau“. Die Laserlichtorgel, die das Event Classical Spectacular unablässig begleitet, macht eine „Schöne, quietschgrüne Donau“ daraus. Fehlfarben dringen im Velodrom leider auch aus den Lautsprechern, die den Klang des voll verkabelten Royal Philharmonic Orchestra unangenehm auseinander dividieren. Das Londoner Ensemble kann nichts dafür und serviert philharmonische Schmankerln von Tschaikowsky, Grieg oder Sousa mit unbeirrbarer Spielkultur.

Dazu prunken der Berliner Konzert Chor und das Vokalensemble Die Primaner mit der Osterhymne aus Mascagnis „Cavalleria Rusticana“ und enttäuschen mit matten Sopranfarben im Gefangenenchor aus „Nabucco“. Verdi sei Dank machen das Zsuzsa Alföldi (Sopran) und Michael Putsch (Tenor) mit dem Trinklied aus „La Traviata“ wett – ein spritziger Toast zu bunten Klassikschnittchen, die nur dort unbekömmlich werden, wo die Zutaten nicht stimmen. Wenn Händels „Halleluja“ auf Brahms’ fünften Ungarischen Tanz folgt, schmeckt das wie Paprikapaste mit Vanillezucker. Und doch: Mit hypnotischer Präzision begeben sich das Orchester und der famose Perkussionist Steve Quigley in Ravels „Bolero“-Endlosschleife, bevor im Finale Tschaikowskys Ouvertüre „1812“ trefflich losdonnert, mit freundlicher Unterstützung von Laserkanonen und Pyrotechnik. Der Applaus bleibt verhalten, die Ohren klingeln umso mehr. Jens Hinrichsen

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