Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Weckergerassel

von der grünen Insel

Der erste Eindruck verschlägt einem den Atem: Die düstere Betonhöhle des Kesselhauses ist bis in den letzten Winkel gefüllt, auf Treppen und Emporen drängen sich Menschentrauben – ein Szenario wie aus „Matrix“. DJ Kwadjo lässt fette Hip- Hop-Beats auf die Masse tropfen, ehe er einen Bass umschnallt und sich in die siebenköpfige Band einreiht, die Róisín Murphy in den folgenden 90 Minuten begleitet. Wer die Irin als weibliche Hälfte von Moloko kannte, muss umdenken: Mit Molokos flauschigem Dancefloor- Pop hat ihr im Sommer erschienenes Solo-Debütalbum „Ruby Blue“ nichts zu tun. Zum furiosen Konzert-Opener wird „Ramalama (Bang Bang)“, bei dem wuchtige Galeerensklaven-Trommeln auf eckige Bläsersätze und Miss Murphys Stakkato-Gesang treffen.

Es ist fast noch das zugänglichste Stück. Die meisten sind durchzogen von irrwitzigen Breaks und werden von der virtuosen Band durch Weckergerassel, atonale Gitarrensoli oder brodelnde Free-Jazz- Passagen aufgemischt. Die Arrangements sind dichter, schwitziger als auf der Platte, vor allem durch die an James Brown erinnernden Funk-Phrasierungen der drei Bläser. Es liegt allein an Róisín Murphy, wenn sich die disparaten Elemente zu wiedererkennbaren Songs zusammenfügen. Sie reizt ihre durchaus limitierte Stimme furchtlos aus, wagt halsbrecherische Tanzeinlagen, nölt wunderbar blasierte Ansagen ins Mikro, flirtet mit dem begeisterten Publikum und führt ausgefallene Stücke ihrer fantasievollen Garderobe vor. Eine erstaunliche, mutige Performerin am äußersten Rand der Popmusik.

KLASSIK

Bocksprünge

an der Jodel-Front

Klassik und Jazz, Wienerlied und Avantgarde – die österreichische Musikszene ist vielfältig wie eh und je. Was als „Wiener Melange“ das dreitägige Festival „New Austrian Sound of Music“ eröffnet, präsentiert sich allerdings mehr als heterogen. Kaum eine Hand voll Publikum ist im Kammermusiksaal erschienen, einschlägige Szene, bei welcher der alpenländische Zungenschlag vorherrscht. Der Auftakt fällt gleich flach, da das Minetti-Quartett krankheitshalber abgesagt hat. So lauscht man zu Beginn dem Bläserquintett eines gewissen August Klughardt, dessen faden Salonton auch das ausgezeichnete Ensemble „Penta Musica“ nicht ganz vertreiben kann.

Danach ein herber Sprung ins Zeitgenössische zu Isabel Ettenauer und ihren „Toy Pianos“, zu Karlheinz Essls „Kalimba“, was noch den Reiz einer Gamelan-Anmutung besitzt, und zu Vanessa Lanns „is a bell … a bell?“ Viel überzeugender, wenn Xenia Hu „Mount Blanc“ von Bernhard Gál am Konzertflügel zelebriert: aus der Tiefe zum Diskant aufsteigende Akkordblöcke – eine subtile Gipfelbesteigung. Daneben will man aber auch die Qualität traditioneller Interpreten herzeigen. Der Geiger Dalibor Karva, der Cellist Milan Karanovic und der Pianist Stefan Stroissnig, alle drei kaum 20 Jahre alt, interpretieren Mendelssohns Klaviertrio in d-moll: durchsichtig, präzise, klug. So viel leidenschaftlicher Schwung zieht einem förmlich die Schuhe aus. Diese Namen aus Österreich sollte man sich unbedingt merken. Isabel Herzfeld

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