Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Bonjour

Tristesse

Interpretation ist im Grunde nichts anderes als die Kunst des Weglassens. Ein lebenslanger Filterprozess, bei dem am Ende die reine subjektive Wahrheit übrig bleibt. Auch wenn diese Wahrheit im Falle von Dinorah Varsi nicht unbedingt schön ist: Mit lakonischem, fast sprödem Ton stellt sie Chopins 24 Preludes in den Kammermusiksaal wie Bäume, von denen alles Laub abgefallen ist. Von aller Zurschaustellung virtuoser Außenreize hat sich die in den sechziger und siebziger Jahren weltweit gefeierte Chopin-Pianistin längst getrennt, statt auf der Oberfläche blank polierter Melodien entlangzugleiten, greift sie sich lieber versteckte Details heraus, brütet über Begleitstimmen.

Schon im zweiten, dem a-moll-Prelude gewinnt die stoische Grundbewegung den Charakter eines Auf-der-Stelle-Tretens, stellt sich eine Reibung zur versöhnlichen Oberstimme ein, die hellhörig macht. Auch die Stürme der Preludes 14 und 16 rauschen nurmehr durch leeres Geäst, selbst der pathetische Wellenschlag des Schlussstücks scheint wie erstarrt. Ein resignativer „Winterreisen“-Blick auf Chopins Stimmungskaleidoskop. Die Konsequenz, mit der Varsi in dieser selbstgewählten Beschränkung verharrt, geben ihrem Spiel unverwechselbare Persönlichkeit – selbst in den Impromptus, deren freischwebende Botschaften letztlich wohl doch einen spielerischeren Zugriff brauchen. Doch auf dem Weg in die Einsamkeit gibt es eben kein Zurück.

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FOTOGRAFIE

Guck

nicht hin

Der Subtext dieser Bilder ist ihre Zeitgeschichte. Vergnügt porträtiert der Fotograf 1923 sich selbst mit zischender Berliner Weiße. Vor milchig-nebligem Hintergrund durchschreiten Mitte der Dreißigerjahre Spaziergänger unter hohen Laubbäumen den Grunewald. Von 1920 bis 1939 lebte der Russe Roman Vishniac in Berlin. Als Pionier der Mikrofotografie und als Dokumentarist des osteuropäischen Shtetl kurz vor Weltkriegsbeginn ist er später im US-Exil berühmt geworden. Seine Berlin-Schnappschüsse waren zufällig entstanden, um Filme mit Insekten-Fotos voll zu machen, und erst nach seinem Tod 1990 entdeckt worden. Seine Tochter Mara hat diese Auswahl nun dem Jüdischen Museum Berlin gestiftet, das Roman Vishniacs Berlin nun präsentiert (bis zum 5. Februar). Sein Blick auf die Welt? „Guck nicht hin, schlecht für die Augen“, habe er angesichts hässlicher Schaufensterauslagen gesagt, erzählt die Tochter. Später sieht sie die antisemitischen „Stürmer“-Karikaturen und fragt sich: „Vielleicht sehe ich so aus und merke es nicht?“

Zuletzt wird Roman Vishniac den Alltag zionistischer Gruppen und jüdischer Hilforganisationen im Bild festhalten. Beim heutigen Blick auf sein Werk ist auch der Shtetl-Fotograf präsent. Mutiger als die Würdigung seiner Berlin-Impressionen wäre es, einen Gesamteindruck dieses Oeuvres zu inszenieren: die verschwundene Welt der osteuropäischen Juden; Berlin und seine Bewohner; Faszination und Schönheit der Insekten. Thomas Lackmann

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KUNST

Saug mal

Staub

Sarnath Banerjee glaubt an die Seelenwanderung von Städten. „Der Geist von Delhi kann in Manhattan wieder auftauchen“, sagt der 33-Jährige und deutet auf seinen Comicstrip: Inder in New York. Von kulturellen und religiösen Traditionen, Mischungsverhältnissen, Konflikten erzählen die Zeitsprünge, Raumfolgen in der ifa-Galerie . Sechs Positionen aus Südasien in der Reihe „Islamische Welten“, die diesmal zwangsläufig in Nachbarreligionen hineinspielt (Institut für Auslandsbeziehungen, Linienstraße 139, bis 22. 1., Di–So 14–19 Uhr).

Banerjee und seine fünf Künstlerkolleginnen stammen aus Indien, Pakistan oder Bangladesch, leben aber teilweise im Westen. Einen Sprung zwischen südasiatischer Maltradition und der Digitalwelt markiert Shahzia Sikander mit ihrer Videoarbeit. Ehrwürdigen Moghuln fliegen die Turbane vom Kopf und schwirren durcheinander. Naiza Khans zart eingefärbte Zeichnungen sind von irritierender Körperlichkeit: In Zwangsjacken steckende Frauenfiguren thematisieren soziale Kontrolle und Unterdrückung in Pakistan. Mit geschwärztem Humor punkten die großformatigen „Hybrid“-Fotomontagen von Bharti Kher: Mit Tieren verklonte Bollywood-Hausfrauen sind da zu sehen oder Schäferhundsköpfe, die aus Miele-Staubsaugerschläuchen wachsen. Auch ein deutsches Haushaltsgerät hat eben das Recht auf Reinkarnation. Jens Hinrichsen

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