Kultur : KURZ & KRITISCH

Lea Streisand

LITERATUR

Leben unter

Gorillas oder Wölfen

Katharina und Konrad waren Felix’ beste Freunde, bis aus ihnen „Katharinaundkonrad“ wurde. Wenig später begann Katharina auch mit Felix eine Affäre und machte nach zwei Jahren mit beiden Schluss. Nach drei Jahren Funkstille kommt nun das erste Lebenszeichen: eine Einladung zu Katharinas Hochzeit. Und weil Felix nicht wahrhaben will, dass es vorbei ist, dass sie alle erwachsen geworden sind, sitzt er jetzt an der nächtlichen Atlantikküste und hat ein Problem: „Es ist nämlich so: Konrad und ich haben Katharina entführt.“ Tilman Rammstedts gelungener Debütroman Wir bleiben in der Nähe (DuMont, 237 Seiten, 19,90 €) beschreibt den verzweifelt-komischen Versuch eines jungen Mannes, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Er verliert sich in Zukunftsvisionen: „Wir könnten ein Museum eröffnen. Wir könnten als Jazztrio durch Kellerbars tingeln. Wir könnten Furore machen. Wir könnten unter Gorillas oder Wölfen leben.“ Zum Auftakt des 13. Open Mike liest der 1975 geborene Rammstedt heute um 20 Uhr in der Literaturwerkstatt zusammen mit Wettbewerbs-Gewinnern der letzten Jahre.

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OPER

Ein anderes Leben

in der Musik

Fünfzig Mal sang sie die Partie der Aninka in Hans Krasás Kinderoper Brundibár . Das war 1943/44 im Ghetto Theresienstadt. Nachdem Greta Klingsberg zum Schluss der „Brundibár“-Aufführung im Kleinen Konzerthaus-Saal selbstverständlich mitgesungen hat, mischt sich Nachdenklichkeit in den Beifall. Als 14-Jährige überlebte sie Auschwitz und fand erst Jahre später ihre nach Palästina ausgewanderten Eltern wieder – für die zumeist jugendlichen Zuhörer unvorstellbar. Ihre Fragen an die von der Bundesregierung aus Jerusalem nach Berlin eingeladene Emigrantin spiegeln den eigenen Alltag: Wie viele Freunde hatten Sie in Theresienstadt, bekamen Sie Spielzeug? Könnte noch einmal so ein Krieg ausbrechen? Das müssen wir verhindern!

Die „Brundibár“-Botschaft könnte nicht besser weitergedacht werden. Aninka und Pepi, lebhaft dargestellt von Diana Steinkampf und Max Ranft, wollen singend Geld für die kranke Mutter verdienen. Doch der Leierkastenmann Brundibár (Leonard Engel) besteht auf seinem Musik-Monopol. Fazit: Nur gemeinsam, mit Hund, Katze und allen Kindern, lässt sich der Bösewicht vertreiben. Die Musik des tschechischen Komponisten Hans Krasá – der Auschwitz nicht überlebte – schafft bewegende Momente. Ähnlich Kurt Weill kennt sich Krasá in der Unterhaltungsmusik bestens aus; sein Stück klingt erstaunlich heutig. Mit Schwung dirigiert Manuel Rösler das Musikerensemble. Er animiert die Schülergruppe zu eindrucksvoller Leistung. Es bedarf nur ein paar liebevoll erdachter Kostüme und Masken, um die Geschichte lebendig zu machen. Wie das in Theresienstadt war, erzählt Greta Klingsberg nicht. Die Musik war eine eigene Welt, doch die grausame Realität vertreiben konnte sie nicht. Isabel Herzfeld

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